Buchcover: Wenn Rechte reden Bildrechte: gegenfeuer.net

Wie die ,Bibliothek des Konservatismus‘ versucht, sich Einfluss zu verschaffen

„Was die Pathologie bei Frau Merkel angeht: Ich denke die besteht letzten Endes darin, dass für sie schon der Gedanke an die Vertretung nationaler Interessen eine Horrorvorstellung ist.“ (Weede 2015, zit. nach Hümmler 2021: 88)⁠

Abbildungen von Angela Merkel am Galgen, als Teufel oder als Schwein sind seit 2015/16 gang und gäbe. Im Zuge der Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wurden die „Merkel muss weg“-Rufe und Vernichtungsphantasien von Demonstrierenden, die einzig und allein die deutsche Bundeskanzlerin für sämtliche (und vermeintliche) Miseren verantwortlich machen, aktualisiert. Mittels verschiedener diskursiver Praktiken wie etwa Pathologisierung, Personifizierung und Dämonisierung wird Angela Merkel zur Hassfigur für verschiedene Akteur:innen der (extremen) Rechten. Doch auf welchen ideologischen und diskursiven Logiken fußen diese Vorstellungen? An welchen Orten wird, neben der Auseinandersetzung auf der Straße, dieses vermeintliche Wissen generiert und verbreitet; welche Art von Resonanzboden brauchen Äußerungen wie eingangs genanntes Zitat?

Bibliotheken als bloße Wissensarchive?

Einer dieser Orte ist die ,Bibliothek des Konservatismus‘ (BdK) in Berlin-Charlottenburg. Gelegen inmitten Westberliner Geschäftshäuser reiht sich das Haus mit Glasfassade gut in das Straßenbild ein, ist gar leicht zu übersehen. Unscheinbar mutet auch der Name an – eine Bibliothek archiviert ja in erster Linie Wissen und stellt die Fokussierung auf Konservatismus als eine der zentralen Denkrichtungen neben Liberalismus und Sozialismus nicht bloß eine thematische Eingrenzung dar? Die sich selbst bezeichnende ,Spezialbibliothek‘ wirbt mit 34.000 katalogisierten Titeln. Laut apabiz-Mitarbeiter Ulli Jentsch bildet der Bücherbestand den „gesamten Kanon der deutschen extremen Rechten, von rechtskonservativ bis neonazistisch“ (Lüskow 2015)⁠ ab. Hinzu kommt – für die Geschlechterforschung von besonderem Interesse – der ,Sonderbestand Lebensrecht‘, konkret: ein Regal, das Literatur von Abtreibungsgegner:innen, die sich selbst als ,Lebensschutz‘-Bewegung bezeichnen, versammelt. Für die Vernetzung verschiedener rechter Strömungen erscheint der Bücherbestand allerdings eher nebensächlich. Von zentraler Bedeutung, so ein Ergebnis meiner Analyse, ist die Bibliothek als Veranstaltungsort. Ob die Begleitveranstaltung zum jährlich in Berlin stattfindenden ,Marsch für das Leben‘,  Treffen der „Jungen Alternative“ oder Vorträge von Personen wie Thilo Sarrazin, Alice Weidel oder Hans-Georg Maaßen – die ,Bibliothek des Konservatismus‘ fungiert als Ort der Vernetzung, wie etwa auch die ZEIT-Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff (2019) anschaulich herausgearbeitet haben. Unter der harmlos, vielleicht etwas verstaubt anmutenden Klammer Konservatismus gelingt es, wie ich im Rahmen meiner Arbeit darstelle, sehr unterschiedliche Spektren zu verbinden und somit für ein heterogenes Publikum anschlussfähig zu werden (Hümmler 2021).

Wenn Rechte reden…

Dabei finden Schulterschlüsse nicht nur anhand der versuchten Normalisierung über das Label Konservatismus statt. Durch die Video-Analyse von 24 Veranstaltungen in der ,Bibliothek des Konservatismus‘ und einer Reihe weiterem Zusatzmaterial, wie unter anderem der Internetpräsenz und BdK-eigener Publikationen, arbeite ich in meinem Buch „Wenn Rechte reden. Die Bibliothek des Konservatismus als (extrem) rechter Thinktank“ Praktiken heraus, die auf diskursive Verschiebungen abzielen (ebd.). Eingangs skizzierter Hass auf Angela Merkel kann als eine dieser Praktiken verstanden werden. Indem die Reaktionen des Publikums (unter anderem Applaus, Geraune und Zwischenrufe) in die Analyse einbezogen werden, lassen sich die machtpolitischen und mitunter mobilisierenden Effekte erkennen, die aus dem Gesagten resultieren. Wie am Beispiel der Bundeskanzlerin deutlich wird, bilden Geschlecht und vergeschlechtlichte Herrschaftsverhältnisse wie Misogynie, Antifeminismus und (Hetero-)Sexismus dabei einen zentralen Dreh- und Angelpunkt rechten Denkens, was auch eine Reihe anderer aktueller Untersuchungen zeigen (etwa Haas 2020; ⁠Autor*innenkollektiv Fe.In 2019; Blum 2019; FIPU 2019; Kováts und Põim 2015). Doch erst die Verbindung mit anderen Ungleichheitsverhältnissen, wie insbesondere (antimuslimischem) Rassismus, Antisemitismus und (völkischem) Nationalismus, wird der Breite (extrem) rechten Denkens gerecht. Dabei geht es mir nicht um die bloße Aneinanderreihung verschiedener Ungleichheitsdimensionen, sondern um eine präzise Analyse komplexer Diskurspraktiken, in denen mal Herrschaftsverhältnisse nahezu isoliert verhandelt werden, mal in ihrer Verschränkung.

Meine Publikation verfolgt drei zentrale Ziele: Erstens die Analyse von Praktiken zur Diskursveränderung, die auch unabhängig vom Untersuchungsgegenstand der BdK Aufschluss über sprachliches Handwerkszeug in der Arena des Diskurses und rechte Metapolitik geben. Zweitens ist „Wenn Rechte reden“ die erste Buchpublikation zur ,Bibliothek des Konservatismus‘ und macht diesen Ort als zentralen Akteur sichtbar. Dabei bündelt sie bisheriges Wissen, das bislang maßgeblich von journalistischer und aktivistischer Seite erarbeitet wurde. Schließlich macht die Arbeit drittens Konzepte der Geschlechter- und Ungleichheitssoziologie für die Rechtsextremismusforschung produktiv. Der Dialog beider Forschungsfelder erweist sich als äußerst ergiebig. Methodologisch arbeite ich mit der Kritischen Diskursforschung der Wiener Schule (insbesondere Wodak et. al. 1998 und Wodak 2016), die sich durch ihre Verbindung soziologischer und linguistischer Ansätze zur Untersuchung von Diskurspraktiken als besonders geeignet herausstellte. Das Buch versucht aber – und das scheint im Kontrast zum vorigen Satz zu stehen – durch weniger akademische Sprache, weniger theoretische Querbezüge und stattdessen durch mehr Erläuterungen auch für Menschen zugänglich zu sein, die sich nicht in der wissenschaftlichen (Theorie-)Diskussion verorten.

Ausführlich

Hümmler, Lilian. 2021. Wenn Rechte reden. Die Bibliothek des Konservatismus als (extrem) rechter Thinktank. Hamburg: Marta Press.

Literatur

Autor*innenkollektiv Fe.In. 2019. Frauen*rechte und Frauen*hass Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Berlin: Verbrecher Verlag.
Blum, Rebekka. 2019. Angst um die Vormachtstellung. Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus. Hamburg: Marta Press.
FIPU, Hrsg. 2019. Rechtsextremismus. Band 3: Geschlechterreflektierte Perspektiven. Wien / Berlin: Mandelbaum.
Fuchs, Christian, und Paul Middelhoff. 2019. Das Netzwerk der neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Reinbek: Rowohlt.
Haas, Julia. 2020. „Anständige Mädchen“ und „selbstbewusste Rebellinnen“. Aktuelle Selbstbilder identitärer Frauen. Hamburg: Marta Press.
Kováts, Eszter, und Maari Põim. 2015. Gender as Symbolic Glue. The Position and Role of Conservative and Far Right Parties in the Anti-Gender Mobilizations in Europe. Budapest.
Lüskow, Fanny. 2015. „‚Renommierprojekt der Rechten‘“. taz. Die Tageszeitung. Abgerufen 10. März 2021 (https://taz.de/!214145/).
Wodak, Ruth. 2016. Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse. Wien / Hamburg: Edition Konturen.
Wodak, Ruth, Rudolf de Cilla, Martin Reisigl, Karin Liebhart, Klaus Hofstätter, und Maria Kargl. 1998. Zur diskursiven Konstruktion der nationaler Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag.

 

Lilian Hümmler hat Gender Studies, Lateinamerikastudien und Sozialwissenschaften studiert. Aktuell ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Geschlechtersoziologie der Goethe-Universität Frankfurt bei Prof.in Sarah Speck tätig und forscht im Rahmen ihrer Promotion bei Prof.in Elisabeth Tuider an der Universität Kassel zur Verbindung von Scham und sexuell-sexualisierter Gewalt. Lilian Hümmler arbeitet außerdem als Sozialarbeiterin mit Betroffenen sexualisierter Gewalt.