Das Bild zeigt einen Haufen zerknüllter und zerrissener Papierfetzen vor einem weißen Hintergrund.

Content Notes – Ein Werkstattbericht aus der AG Lehre

Wie gehen wir (gerade) in den Gender Studies mit Lehrsituationen und -inhalten um, die emotional herausfordernd, verletzend, diskriminierend oder ausschließend wirken? Wie können trotz strukturell begrenzter Möglichkeiten sensiblere und diskriminierungskritische Lehr- und Lernräume geschaffen werden? Und welche Verantwortung tragen dabei Lehrende und Studierende?

Im Wintersemester 2025/26 diskutierten Lehrende und Mitglieder der AG Lehre diese Fragen in einer gemeinsamen Werkstatt. Im Fokus stand die Gestaltung der Werkstatt selbst als ein Raum, in dem die Anwesenden eigene Privilegien und Diskriminierungserfahrungen fortlaufend reflektieren konnten und eine wertschätzende Atmosphäre mitgestalteten, die sich auch auf den Seminarraum übertragen lässt. Ein zentrales Thema war die Auseinandersetzung mit Inhaltsnotizen (engl. Content Notes) in der Lehre. Die hier formulierten Überlegungen bauen auf unserem Austausch auf.

(Kritische) Auseinandersetzung nicht verhindern, sondern fördern

Inhaltsnotizen sind nicht mit Thematisierungsverboten gleichzusetzen, sondern haben vielmehr das Ziel, Transparenz herzustellen und die Auseinandersetzung mit sensiblen Themen zu ermöglichen. Um dies zu verdeutlichen, möchten wir im Folgenden unsere Überlegungen teilen, wie Inhaltsnotizen so gedacht und in der Lehre angewendet werden können, dass sie einen diskriminierungskritischen Lernraum unterstützen.

Eine Inhaltsnotiz kann unterschiedliche Formen annehmen – sie kann mündlich zu Beginn einer Sitzung oder eines Seminars ausgesprochen oder schriftlich auf Moodle, im Seminarplan, per E-Mail, etc. geteilt werden. Gemeinsam ist allen Formen, dass es sich um einen Hinweis handelt, der potentiell belastenden oder (re)traumatisierenden Inhalten vorangestellt wird und sie als solche kenntlich macht. Für diejenigen, die sich mit den Inhalten befassen sollen, kann ein solcher Hinweis hilfreich sein – sowohl bei Themen, die Trigger für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) oder ähnlichen psychischen Erkrankungen darstellen, als auch bei Inhalten, die belastend oder schmerzhaft sein können, weil sie an (Diskriminierungs-)Erfahrungen anknüpfen. Für Lernende kann es auch dann, wenn sie nicht mit PTBS oder klinisch definierten Triggern zu kämpfen haben, unproduktiv sein, die eigenen Erfahrungen als Kursinhalt und damit abstrahiert als Studienobjekt zu behandeln. Dies gilt insbesondere, wenn die Inhalte von einer Person gelehrt werden, die diese Erfahrungen nicht teilt und dabei ohne besondere Umsicht vorgeht. Es ist daher wichtig anzuerkennen, dass Seminarteilnehmende unterschiedliche Beziehungen zu den gewählten Kursinhalten haben und sich dies darauf auswirkt, auf welche Weisen sie mit den Inhalten interagieren können und welche Gefühle dabei aufkommen.

Durch den Hinweis, dass das Lehrmaterial mit möglicherweise belastenden oder triggernden Inhalten konfrontiert, können sich Seminarteilnehmende beispielsweise in einer bestimmten Umgebung oder gemeinsam mit anderen damit auseinandersetzen, die Konfrontation zeitlich staffeln oder währenddessen Selbsthilfestrategien anwenden. Es gibt verschiedene Strategien, mit Auslösern umzugehen, wenn ihnen begegnet werden muss. Diese funktionieren in der Regel am besten, wenn der Auslöser zu erwarten ist und man sich darauf vorbereiten kann.

Inhaltsnotizen geben Seminarteilnehmenden somit die Autonomie, sich selbstständig und auf eine für sie gute Weise mit den Inhalten auseinandersetzen zu können.

Bedeutung für die Lehre in den Gender Studies

Die Aushandlung eines geeigneten Umgangs mit den Inhalten sollte nicht nur individuell bei den Teilnehmenden liegen. Lehrende können ebenso Verantwortung dafür übernehmen, notwendige Ressourcen für die Auseinandersetzung mit den Inhalten verfügbar zu machen. Gleichzeitig kann ein Raum für Selbstreflexion eröffnet werden, der auch die Anpassung und Weiterentwicklung von Techniken zur Selbstregulation ermöglicht. Die Überlegungen zu Inhaltsnotizen weisen dementsprechend über den konkreten Hinweis auf belastende Inhalte hinaus und stellen Fragen nach dem Lernraum insgesamt: Wer nimmt am Seminar teil und welche Erfahrungen bringen die Teilnehmenden mit? Wer hat welche Bedürfnisse und wer kann diese wie äußern? Warum werden welche Inhalte ausgewählt? Wie kann der Lernraum so gestaltet sein, dass möglichst gleichberechtigtes Lernen aus unterschiedlichen Positionen möglich wird?

So können Inhaltsnotizen auch für die Lehrenden ein wichtiges Reflexionstool sein, um eigene (Nicht-)Betroffenheit von Gewalt und/oder Diskriminierung sowie den eigenen Umgang damit im akademischen Kontext zu reflektieren. Damit besteht auch die Möglichkeit, dass Lehrende transparent darlegen, aus welcher Position sie sprechen und dieses Thema bearbeiten und den Lehrraum so zu einem Raum des Erfahrungs- und Emotionsaustausches werden lassen.

Um mit den Teilnehmenden darüber im Dialog zu bleiben und zugleich die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Seminarlektüre zu ermöglichen, bieten sich beispielsweise kleine Schreibübungen gegen Ende der Sitzungen an, in denen Teilnehmende ihre Erfahrungen und Perspektiven teilen, oder Zwischenevaluationen bzw. digitale Feedbacktools wie ein anonymes Etherpad. Es kann auch sinnvoll sein, „Jokersitzungen“ einzuplanen, die inhaltlich nicht festgelegt sind und je nach Bedarf gefüllt oder auch für gemeinsame Reflexion genutzt werden können. Insgesamt gilt es dabei, die tatsächlichen Bedürfnisse der Teilnehmenden zu erfragen, aber auch Nicht-Gesagtes sowie Hierarchien und Machtverhältnisse im Blick zu behalten. Besondere Aufmerksamkeit sollte darauf gerichtet werden, Personen im Raum nicht zu ‚diversity persons‘ werden zu lassen. Zudem ist es wichtig, transparent mit den eigenen Ressourcen umzugehen und strukturelle Begrenzungen einzubeziehen.

Zusammenfassend besteht der Zweck von Inhaltsnotizen also nicht darin, von der Auseinandersetzung mit schwierigen Inhalten abzuhalten, sondern diese zu erleichtern und Lernen damit gleichberechtigter zu machen. Die Frage nach dem Wie der Auseinandersetzung weist zugleich über Inhaltsnotizen selbst hinaus.

Reflexionsfragen

  • Welche Themen und Texte enthalten möglicherweise belastende oder diskriminierende Inhalte? Wie kann ich das für die Studierenden transparent machen? Welche Alternativen kann ich anbieten? Warum wähle ich welche Inhalte aus?
  • Wie schaffe ich einen Rahmen, in dem belastende Themen Lernraum öffnen, anstatt ihn zu verschließen?
  • Wie kann ich die Perspektiven und Erfahrungen der Studierenden einholen und dabei Machthierarchien berücksichtigen? Bin ich offen für ihre Rückmeldungen und Impulse?
  • Welche Ressourcen und Fertigkeiten habe ich, um Emotionen und Feedback aufzufangen?
  • Wie kann ich gewährleisten, dass sowohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Lektüre, als auch ein Raum zum (emotionalen) Erfahrungsaustausch adäquat stattfinden?
  • Auf welche Ansprechstellen jenseits des Seminars kann ich verweisen?

Wir bedanken uns herzlich bei den Studierenden und Lehrenden, die ihre Erfahrungen und Perspektiven mit uns geteilt und die verschiedenen Themen mit uns diskutiert haben.

Am 15. April 2026 sind alle Interessierten herzlich eingeladen, in unserer nächsten Lehrwerkstatt am ZtG mitzudiskutieren.

In der AG Lehre kommen Angehörige des ZtG statusgruppenübergreifend zu Themen rund um Lehre und Studium ins Gespräch. In den Lehrwerkstätten bietet die AG zudem Raum für Austausch und Vernetzung. Die Lehrwerkstatt im November 2025 wurde von Therese Klapper, Klara Nagel und Susanne Spintig organisiert. Der Blogpost entstand aus der gemeinsamen Arbeit rund um die Lehrwerkstatt und wurde maßgeblich von Klara Nagel verfasst.

Klara Nagel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie und Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Klaras Arbeitsschwerpunkte liegen in der politischen Anthropologie sowie in (queer-)feministischen und intersektionalen Ansätzen.

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