Geschlecht, intersektionale Verflechtungen, soziale Ungleichheit, Wissen und Macht sind zentrale Themen der Gender Studies. Da diese Fragen viele gesellschaftliche Ebenen durchziehen, erfordern sie unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge. Entsprechend verfolgt die Geschlechterforschung ihre Erkenntnisinteressen bewusst über disziplinäre Grenzen hinweg, verbindet Perspektiven aus verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen und reflektiert zugleich das eigene Vorgehen wissenschaftstheoretisch.
Methoden im Gender-Studies-Studium erlernen
Diese Arbeitsweise hat Konsequenzen für die Methoden. In den Gender Studies kommt eine Vielzahl von methodischen Ansätzen zum Einsatz, die sich nicht immer eindeutig einer einzelnen Disziplin zuordnen lassen. So kommen historische Analysen, ethnografische Forschungen, quantitative Datenauswertungen, Diskursanalysen, literaturwissenschaftliche Interpretationen oder philosophische Reflexionen zur Anwendung. Gender Studies liegen damit gewissermaßen quer zu den klassischen Disziplinen – und genau darin liegt eine ihrer größten Stärken. Denn gerade diese methodische Vielfalt ermöglicht es, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge angemessen zu analysieren.
Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus Studium und Lehre, dass diese Vielfalt für Studierende auch Herausforderungen mit sich bringt. Wer sich im Studium erstmals intensiver mit Gender Studies beschäftigt, sieht sich mit einer großen Bandbreite an Theorien, Methoden und Forschungspraktiken konfrontiert. Am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin (ZtG) können Studierende Perspektiven aus zahlreichen Disziplinen kennenlernen. Diese Offenheit ist ein großer Gewinn, erschwert jedoch manchmal den Überblick über methodische Zugänge.
Welche Methode eignet sich für mein konkretes Forschungsinteresse? Wie lassen sich Forschungsfrage, Methode und theoretischer Rahmen sinnvoll aufeinander abstimmen? Wie können Forschende mit ihrer eigenen Positioniertheit umgehen? Solche Fragen sind zentral für Studierende und gleichzeitig keineswegs neu. Sie stehen seit Jahrzehnten im Mittelpunkt methodischer Debatten der Gender Studies.
Die Ringvorlesung
Aus genau dieser Situation heraus entstand die Idee einer Ringvorlesung im Gender Studies Master des ZtG, die im SoSe 2025 pilotiert wurde und seither als strukturierendes Angebot dienen soll. Ziel ist es, die Vielfalt geschlechtertheoretisch gerahmter Forschungspraktiken sichtbar zu machen und Studierenden Orientierung zu geben. Die Vorträge zeigen, wie die unterschiedlichen Disziplinen sich aus ihren Perspektiven heraus einem Thema nähern. Die Ringvorlesung legt dabei besonderen Wert auf eine praxisorientierte Vermittlung: Studierende sollen exemplarisch lernen, wie Erkenntnisinteresse, Forschungsfragen und -designs miteinander verwoben sind. Gleichzeitig möchten wir Bewusstsein darüber schaffen, dass eine Fächerperspektive jeweils mit spezifischen Methoden verknüpft ist. Gerade im Kontext von Seminar- oder Abschlussarbeiten ist dieses Wissen von zentraler Bedeutung.
Gleichzeitig ist uns wichtig, Wissenschaft als Teil gesellschaftlicher Machtstrukturen zu analysieren. Denn wie wir forschen, hängt immer auch damit zusammen, welche Annahmen wir über Wissen, Wirklichkeit und Gesellschaft treffen. Forschung ist daher nicht unabhängig von ihrem sozialen und historischen Kontext. Diese Einsicht hat eine lange Geschichte innerhalb kritischer Wissenschaftstheorie. Die Entwicklung der Gender Studies ist eng mit wissenschaftskritischen Debatten verbunden, die seit den 1970er-Jahren an Universitäten geführt werden. Aktivistische Studierende und Wissenschaftlerinnen machten damals darauf aufmerksam, dass wissenschaftliches Wissen keineswegs neutral oder universell ist.
Wissenschaftliche Institutionen wurden lange von Perspektiven geprägt, die überwiegend männlich, weiß, bürgerlich und eurozentrisch waren. Wie viele People of Color gibt es unter Forschenden? Wie viele mit Behinderung? Hegemoniale Perspektiven beeinflussen nicht nur Themen und Fragestellungen, sondern auch Methoden, Kategorien und Datenerhebungen. In vielen Statistiken wurden Frauen sowie trans*, inter* und nichtbinäre Personen lange Zeit gar nicht oder nur unzureichend erfasst. Diese epistemische Unsichtbarkeit steht in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Ungleichheiten. Der Blick der Forschenden strukturiert die Forschung: Wenn bestimmte Gruppen kaum als handelnde Subjekte in wissenschaftlichen Darstellungen erscheinen, wirkt sich das auch auf ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und Teilhabe aus. Forschende der Gender Studies haben deshalb immer wieder danach gefragt, welche Stimmen fehlen, welche Erfahrungen übersehen werden und welche Machtverhältnisse bestimmen, welches Wissen als relevant gilt. Gender-Studies-Forschung reagiert somit auf diese Problemlagen, indem sie Unsichtbares sichtbar macht und zugleich die Bedingungen untersucht, unter denen Wissen entsteht.
Das Lehrbuch
Aus dieser Lehrveranstaltung entstand schließlich ein Lehrbuch, das die Inhalte der Ringvorlesung aufgreift und weiterführt. Die Beiträge stellen exemplarisch ausgewählte Forschungsansätze aus unterschiedlichen Disziplinen vor und bieten damit einen Einblick in unterschiedliche methodische Traditionen innerhalb der Gender Studies. Gleichzeitig zeigen sie, welche erkenntnistheoretischen Annahmen den jeweiligen Ansätzen zugrunde liegen. Das Lehrbuch richtet sich insbesondere an Studierende der inter- und transdisziplinären Gender Studies sowie an Studierende anderer Fächer, die ihre Abschlussarbeit im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Wissensordnungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen gestalten möchten.
Die Beiträge spiegeln die Vielfalt der Gender Studies wider: Einige verfolgen klar umrissene erkenntnistheoretische und methodologische Ansätze, andere bewegen sich zwischen verschiedenen Traditionen oder lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Manche Texte stellen konkrete Methoden vor und illustrieren deren Anwendung, während andere methodische Kombinationen und spezifische Formen der Interpretation von Material, Quellen und Daten behandeln.
Im Zentrum steht eine anwendungsorientierte Methodenvermittlung. Die Beiträge erläutern theoretische Hintergründe und zeigen zugleich praktische Schritte – von der Entwicklung einer Fragestellung über die Methodenwahl bis zur Analyse. Das Lehrbuch unterstützt dabei, im inter- und transdisziplinären Feld eine eigene methodische Position zu finden: entweder durch die Auswahl geeigneter Instrumente für die Bearbeitung einer Fragestellung oder durch die Annäherung an eine Methode, aus der sich eine passende Frage entwickelt.
Herausgegeben wurde das Lehrbuch von Esto Mader, Mirjam Fischer und Lea Luttenberger. Es steht im Open Access zur Verfügung.
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Esto Mader promovierte in Sozialwissenschaft an der Univ. Köln, ist derzeit Postdoc am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der HU Berlin mit den Schwerpunkten Geschlechterverhältnisse und Diskriminierung an Hochschulen, Queere und Trans* Studien, Intersektionalität sowie Wissenschaftskritik.