Das Bild zeigt den Schreibtisch von Katharina Pyschny

#MeinSchreibtisch: Katharina Pyschny

Wie man meinem überschaubar eingerichteten Schreibtisch und den leeren Bücherregalen im Hintergrund ansieht, ist mein Büro in der Hannoverschen Straße 6 noch vergleichsweise spärlich eingerichtet. Das liegt daran, dass ich im April letzten Jahres, mitten im ersten Lockdown, als Juniorprofessorin für Biblische Theologie am neu gegründeten Institut für Katholische Theologie an der HU berufen wurde. Seitdem arbeite ich entweder an meinem heimischen Schreibtisch in Castrop-Rauxel, in meiner Wohnung im Prenzlberg am Wohnzimmertisch oder eben – sofern es möglich ist – in meinem Büro an der HU. Denn trotz der zugegebenermaßen noch ausbaufähigen Einrichtung bietet insbesondere mein Schreibtisch an der HU alles, was ich zum wissenschaftlichen Arbeiten brauche: meinen Laptop, meine Bücher und meine Thermoskanne! Dabei erinnert mich die kleine Figur links unten, die mir von einem Kollegen von der Ruhr-Universität Bochum zum Abschied geschenkt wurde, immer wieder daran, in den Irrungen und Wirrungen der akademischen Welt stets die Nerven zu behalten und sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!?

Diesem wohl bekannten Sprichwort wird man aus einer didaktischen Perspektive sofort zustimmen können: Manchmal lassen sich komplizierte Inhalte besser anhand eines Bildes oder einer schematischen Darstellung als mit langwierigen Texten erläutern. Gleichzeitig wird man auch eingestehen müssen, dass Bilder oftmals mehrere Interpretationen zulassen und komplexe Sachverhalte nicht durch sie allein erklärt werden können. Wie so oft, liegt die Wahrheit – oder besser: die Lösung – in der Mitte: in der Kombination von Texten und Bildern, die ja auch diesem Blog zugrunde liegt.

Die reflektierte Korrelation von antikem Text- und Bildmaterial ist ein methodischer Grundsatz, der meine gesamte Forschung wesentlich prägt. Als promovierte Alttestamentlerin, die auch Germanistik studiert hat, sind primär die biblischen Texte als antike Traditionsliteratur Gegenstand meiner Forschung. Diese suche ich unter Anwendung der sogenannten historisch-kritischen Methode sowie unter Berücksichtigung rezenter sozial- und kulturwissenschaftlicher Trends zu analysieren. Gleichzeitig habe ich ein Interesse an den historischen Kontexten und der Umwelt der biblischen Texte und erforsche die materielle Kultur der Südlichen Levante mit einem Fokus auf ikonographische Quellen, d.h. Bildmaterial (Siegel, Figurinen, Stelen, Reliefs u.v.m.).

Aufbauend auf meiner Expertise in alttestamentlicher Exegese und der materiellen Kultur des antiken Israels/Palästinas verbindet meine Forschung aktuelle Ansätze der sog. Pentateuchforschung mit zeitgenössischen Zugängen zur materiellen Kultur (u.a. Ikonographie, historische Geschlechterforschung, sozial-anthropologische Studien zu Autoritäts- und Führungsansprüchen, methodische Reflexion von Geschichte und Geschichtsschreibung).

Im Folgenden möchte ich insbesondere drei Forschungsfelder herausgreifen, auf die sich Hinweise im obigen Foto finden und in all denen auch Genderfragen eine wichtige Rolle spielen.

Geschlechtlichkeit und Sexualität im Kontext von biblischen Menschenbildern  

Ein Blick auf meinen Bildschirm führt mit dem angezeigten Aufsatz zu Jugend und Alter in der alttestamentlichen Weisheitskonzeption in das Feld der Biblischen Anthropologie(n). Die Bibel entfaltet zwar keine systematische Anthropologie, aber beinhaltet eine enorme Fülle von anthropologischen Aussagen, die alle Dimensionen des Menschseins umfassen. Dabei dürfen diese Aussagen nicht als essentialistische Festlegung des Menschen missverstanden werden. Für mich bilden die biblischen Aussagen vielmehr ein Diskursfeld, das in sich weder anthropologisch allumfassend noch eindeutig ist. Sie sind – das gilt es gegen jeden fundamentalistischen Zugriff zu betonen – in theologisch-anthropologischen Reflexionen zwar notwendig, aber keinesfalls zureichend. Vielmehr bieten die anthropologischen Aussagen der Bibel einen normativen Rahmen, gewissermaßen ein Koordinatensystem, in dem sich eine christliche Positionierung über das Menschsein im Gespräch mit anderen Disziplinen innerhalb und außerhalb der Theologie verorten sollte. In diesem Sinne arbeite ich an diversen anthropologischen Themen wie zum Beispiel Geschlechtlichkeit, Sexualität, Perfektionierung des Menschen und suche die Aussagen der Schrift zum Menschsein und seiner Bestimmung unter Berücksichtigung ihrer literarischen und lebensweltlichen Kontexte zu erheben bzw. erarbeiten. Dabei verfolge ich einen transdisziplinären Ansatz, in dem die Erkenntnisse der Exegese, der Geschichte Israels und des frühen Christentums, der Religions- und Sozialgeschichte, sowie der Archäologie und Ikonographie auf reflektierte Art und Weise miteinander korreliert werden. Ziel ist es nicht, ein systematisches Konzept des Menschen aus der Bibel zu erheben, sondern vielmehr ein Bewusstsein für die Komplexität und Pluralität antiker Menschenbilder zu schaffen.

Repräsentationen des Weiblichen (und Männlichen) in der Bildwelt des Alten Orients

Blickt man nach rechts unten auf meinen Schreibtisch, dann fällt ein kleiner Stapel Bücher auf, der zu einem der wichtigsten jüngeren Standardwerke der altorientalischen Ikonographie gehört: „Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient“ (hrsg. von Silvia Schroer). Dieses Standardwerk, das gewissermaßen eine Religionsgeschichte in Bildern bietet, begleitet mich insbesondere bei meiner Forschung im Bereich der altorientalischen Ikonographie. Mit Fokus auf der Eisenzeit sowie der persischen Periode arbeite ich nicht nur zu einzelnen Fundgattungen wie beispielsweise Räucherkästchen oder Figurinen, sondern auch zu dezidiert religionsgeschichtlichen Themen wie der Frage nach bildhaften Repräsentationen des israelitischen Gottes und ihrem Verhältnis zum biblischen Bilderverbot. Insbesondere auch gendersensible Themen wie die Darstellungsformen und -kontexte von weiblicher und männlicher Nacktheit, die (in der Forschungsgeschichte oftmals [über-]sexualisierte) Interpretation weiblicher Figurinen oder auch die Rolle der Kategorie „Geschlecht“ in antiken Mechanismen und Prozessen der Abgrenzung sind für mich ein wichtiger Teil der Erforschung der materiellen Kultur des antiken Israels/Palästinas.

Führungskonzepte im Alten Testament in gendersensibler Perspektive

Direkt neben dem erwähnten Stapel liegt schließlich ein Band mit dem Titel „Wer entscheidet, wer was entscheidet? Zum Reformbedarf kirchlicher Führungspraxis“ (hrsg. von Benedikt Jürgens und Matthias Sellmann), der zum dritten Forschungsschwerpunkt führt, den ich hier vorstellen möchte: die Konzeptionalisierung und Legitimierung von Führung im Alten Testament in einer gendersensiblen Perspektive. Auch wenn Aspekte von Führung, Autorität, Charisma usw. sich gewissermaßen durch das gesamte Alte Testament ziehen, sind sie erst in jüngerer Zeit als ein eigenständiges Forschungsfeld innerhalb der Bibelwissenschaften erkannt worden. Wie wird Führung im Alten Testament konzeptionalisiert? Welche machtkritischen Impulse lassen sich alttestamentlich erheben? Gibt es genderspezifische Führungskonzepte und Legitimierungsstrategien? Diese – und noch viele weitere – Fragen suche ich anhand ausgewählter Erzählungen zu beantworten. Dabei bediene ich mich einer soziologisch reflektierten Definition von Führung, die nicht nur von einem dynamischen Wechselverhältnis zwischen – sehr vereinfacht ausgedrückt – Führenden und Geführten ausgeht, sondern auch kollektive Modelle von Führung in den Blick nimmt. Die Diskurse und Aushandlungsprozesse um Führung, die sich in den alttestamentlichen Texten widerspiegeln, sind in diesem Kontext vor allem als paradigmatische historische Diskurse zu verstehen. Sie sind einerseits historisch und kulturell an ihre Entstehungskontexte gebunden, andererseits handelt es sich um Vorstellungen, die das Selbstverständnis des Christentums auch heute noch prägen. Dabei entfalten die alttestamentlichen Texte ein breites Feld an führungsbezogenen Denkmöglichkeiten (Mentoring, Delegation, demokratisierende Modelle usw.), die es verdienen, in einem kritischen, selektiven und reflektierten Zugriff auch in gegenwärtigen kirchlichen Debatten konzeptionell und pragmatisch ausgehandelt und erprobt zu werden.

 

Katharina Pyschny ist seit April 2020 Juniorprofessorin für Biblische Theologie am neu gegründeten Zentralinstitut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitglied der HU-basierten Arbeitsgemeinschaft „Gender in den Theologien“, die im SoSe 2021 eine interreligiöse und interdisziplinäre Ringvorlesung mit dem Titel „Religion* Macht Sex*. Geschlechterbilder in den Religionen“ ausrichtet.     

 

In unserem Format #MeinSchreibtisch – zu finden unter der Kategorie Personen – geben Mitarbeiter_innen, Mitglieder und Absolvent_innen des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien einen Einblick in ihr Arbeitsumfeld sowie ihre aktuellen Projekte und Aufgaben.