Foto von Ulrike Weiss, 2016, Foto, Blattgold, Goldfaden, 70x90cm

Erinnerung in Zeitgenössischer Kunst. Perspektiven aus und auf Marokko

Welche Geschichten lassen sich über Kunst in Marokko erzählen? Wie erscheinen Geschichts- und Erinnerungsnarrative in künstlerischen Arbeiten? Welche zeitlichen und räumlichen, theoretischen und imaginären Verhältnisse entstehen aus Begegnungen zwischen zeitgenössischer Kunst, memory studies und queer theory?

Diese Fragen verfolgt das DFG-Forschungsprojekt „Art Matters – Zeitgenössische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und kultureller Erinnerung in Marokko“. Untersucht wird, wie Kunst Geschichte zum Gegenstand kreativer und intersubjektiver Betrachtung macht, kollektive Erinnerung aktiviert und Vergessen ins Bewusstsein bringt. Marokko hierbei als Ausgangspunkt zu nehmen, gibt Einblicke in jüngste Entwicklungen der marokkanischen Kunstszene, die sich zu einem Zentrum für Kunst auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt hat. Es zeigt auch Dynamiken der Identifikation und „Disidentifikation“ (Muñoz 1999) mit historischen Kategorien einer postkolonialen Kultur, mit emanzipatorischen und utopischen Ideen, und mit der Zeitlichkeit von Geschichte selbst. Aus diesen Dynamiken heraus lassen sich andere Geschichten und „potentielle Geschichte“ (Azoulay 2019) verfolgen, die mit und gegen normative Wissenskategorien und Identitäten spielen. Künstler*innen wirken häufig im Dazwischen von Räumen, Zeiten und Kategorien; zum einen sind sie Subjekte der Geschichte, zum anderen arbeiten sie mit ihrer Kunst in kritischer oder anachronistische Weise gegen historische Subjektivierungen. Die Forschung zeigt, wie künstlerische Arbeiten mit partikularen Geschichten, politischen und sozialen Rahmen und visueller Kultur verbunden sind, wie sie diese kritisch sichtbar machen, verschieben und verändern.

Erinnerungslandschaften

Marokko wird in dem Projekt zu einer Kunst- und Erinnerungslandschaft, zu fluiden, sich überlappenden Territorien oder einem Archipel von Räumen – Galerien, Museen, Stadträume und Kunstereignisse (Ausstellungen, Festivals, Biennalen) – die ihre eigenen Geschichten, Erinnerungen und Brüche mit sich bringen. National, regional oder kontinental gefasste Kunstgeschichten wie auch Erinnerungskulturen sind in den letzten Jahrzehnten vielfach durch methodische Ansätze globaler, transkultureller Verflechtungen herausgefordert worden. Auf der anderen Seite halten Institutionen räumlich-kulturelle Unterscheidungen weitgehend aufrecht. Marokko als eine sich durch Kunst und Erinnerungspraktiken permanent neu konstituierende Landschaft zu betrachten ist ein Versuch, beiden Perspektiven gerecht zu werden und das Verschieben, Betonen oder auch Überwinden von symbolischen Differenzlinien aus dem Geschehen heraus nachzuvollziehen. Die Wirkmächtigkeit von physischen Grenzen wie von orientalisierenden, kolonialen und postkolonialen Denkmustern kommt in einer solchen Landschaft ebenso zum Tragen wie lokale und regionale Verhandlungen von Kultur, historische und gegenwärtige transkulturelle Verbindungen und dekoloniale Ansätze. Inspiriert durch transkulturelle und multidirektionale Ansätze der Kunst- und Erinnerungsforschung fokussiert die Betrachtung, wie Raum und Zeit in künstlerischen Praktiken kreativ und konzeptuell verhandelt werden, wie Schweigen und Vergessen darin erscheinen und Realitäten jenseits von Repräsentations- und Fortschrittslogik auftauchen.

Potentialität und Queerness des Zeitgenössischen in der Kunst

Zeitgenössische Kunst und damit verbundene Analysen des Zeitgenössischen zeigen Parallelen zu queer theory wie auch zu memory studies. Ihnen gemein ist die Suche nach Konzepten von Zeitlichkeit, die lineare historische Erzählweisen überwinden und an der Gegenwärtigkeit von Vergangenem wie Zukünftigem interessiert sind. Häufig stehen Momente einer anachronistischen Co-Zeitlichkeit von fragmentarischen, lückenhaften, alltäglichen und ephemeren Erscheinungen im Zentrum. Aus Dingen, Orten und Ereignissen, die in dominanten Erzählungen verdrängt, marginalisiert oder diskriminiert sind, werden Geschichten erinnert oder imaginiert. In ihren traumatischen, utopischen oder queeren Dimensionen durchkreuzen diese Geschichten nicht nur zeitliche Ordnungen, sondern auch normative und affektive Muster. Gegenstände von Interesse sind entsprechend in allen drei Bereichen Nicht-Beachtetes, Vergessenes oder Verworfenes ebenso wie Dinge aus der Massenkultur; eher Erzähltes, Bildliches und Hörbares als faktische Informationen und schriftliche Dokumente. Queer theory basiert in weiten Teilen auf ephemeren, performativen Phänomenen und nicht selten auf Erinnerungen aus Film, Literatur, Musik und Kunst. Wie auch die memory studies ist queer theory kaum von kritischem Engagement und Aktivismus zu trennen. Mit dem Projekt wird versucht, diese drei Bereiche mit- und gegeneinander zu lesen und so vor allem zur Forschung über zeitgenössische Kunst neue Ansätze und Methoden beizutragen. Auch wenn Kunst keine Theorie ist, so bietet sie doch Gegenstände der Theorie (Bal 2020), die sich aus dem Blick von queer theory und memory studies klarer fassen lassen.

Archive der Kunst

Ob sich Künstler*innen mit politischen Genealogien und Stammbäumen nach der marokkanischen Unabhängigkeit 1956 befassen und sie mit Bezug auf Verfahren des Pfropfens, Veredelns und Spalierens künstlerisch gestalten (Mohssin Harraki); in ihren Arbeiten schwindende Traditionen des Südens Marokkos aufgreifen (Mohamed Arejdal); Erinnerungen an Schwarze Geschichte (M’barek Bouhchichi) oder jüdische Geschichte (Ulrike Weiss) gegenwärtig machen; das koloniale Erbe (Mohamed Arejdal) oder politische Opposition und staatliche Repression in den 1970er Jahren befragen (Wiame Haddad); kollektive Museen (L’Atelier de l’Observatoire) oder die Filmgeschichte des Landes geltend machen (Les Archives Bouanani Kollektiv) – Kunst bildet in vielfältiger Hinsicht ein Feld, um Öffentlichkeit für Themen zu schaffen, für die es sonst nur begrenzte Öffentlichkeit gibt. Vor allem aber bietet sie Formen, Sichtbarkeiten, affektive Ebenen und konzeptuelle Entwürfe, die Betrachter*innen einlädt, sich zu den Arbeiten ins Verhältnis zu setzen, sich angesprochen zu fühlen und die Kunst auf ihre Weise zu verstehen. Auch für die Forschung ist es ein Interesse, einzelne Kunstarbeiten in ihrem jeweiligen Kontext zu bestimmen und zu interpretieren. Darüber hinaus geht es darum zu fragen, was Kunst auf intersubjektiver Ebene macht – wie sie Menschen darüber zusammenbringt, einen kritischen Blick auf Gegenwärtiges zu werfen, vergessene Lebensentwürfe, Selbstbilder und auch traumatische Ebenen zu vermitteln und Horizonte des Potentiellen zu öffnen. Aus dieser Sicht kann von künstlerischen Archiven gesprochen werden, die nicht nur Sammlungen von Dingen sind, sondern in erster Linie die Bedingungen für diskursive Räume reflektieren und neu schaffen. Einerseits agiert Kunst im kritischen Sinn mit institutionellen kolonialen und postkolonialen Archiven, andererseits öffnet das kreative Potential von Kunst alternative und queere Archivpraktiken, durch die nicht-konforme, verdrängte oder marginalisierte Geschichten zur Geltung kommen. Archive der Kunst werden so aus kulturgeschichtlicher Sicht zu einem Gegenstand der Forschung, um Kategorien des Wissens wie auch Politiken von Kunstinstitutionen in Frage zu stellen und anders zu denken.

Bildnachweis:

Ulrike Weiss, 2016, Foto, Blattgold, Goldfaden, 70x90cm, ©Ulrike Weiss

Literatur:

Ariella A. Azoulay, Potential History. Unlearning Imperialism. Verso Books, 2019.
Mieke Bal, Exhibition-ism: Temporal Togetherness. Sternberg Press / The Contemporary Condition, 2020.
José Esteban Muñoz, Disidentifications. Queers of Color and the Performance of Politics. University of Minnesota Press, 1999.

Sarah Dornhof arbeitet seit April 2020 auf einer DFG-Projektstelle am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet zudem ein Projekt zur Erschließung und Digitalisierung eines filmhistorischen Archivs in Marokko (The Bouanani Archives, gefördert vom Patrimonies Programm der Gerda Henkel Stiftung). In ihrer aktuellen Forschung untersucht sie zeitgenössische Kunst und Kulturpolitik in Marokko in Bezug auf Fragen zu Erinnerung, kulturellem Erbe und Archiven. Ihre Dissertation „Alternierende Blicke auf Islam und Europa: Verletzung als Rationalität visueller Politik“ erschien 2016 beim Wilhelm Fink Verlag. Zudem ist sie Ko-Herausgeberin von u.a. „Contested Memory in Urban Space. Circulations and Disruptions“ (Palgrave 2021) und „En quête d’archives“ (Archive Books 2021).