Das Bild zeigt den Schreibtisch von Gabi Jähnert. Auf dem Bildschirm ist die Homepage des ZtG gezeigt und auf dem Tisch liegen mehrere Aktenordner.

#MeinSchreibtisch: Gabi Jähnert

Dokumente abzulegen, auszusortieren und in Ordner Ordnung zu bringen, das war und ist keine besonders attraktive Aufgabe für mich. Aber ich kam nicht drumherum. Nach fast 35 Jahren als Geschäftsführerin des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) und des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hatte sich einiges angesammelt und ich wollte meine Aufgaben zum 1. März 2026 freudig an meine Nachfolgerin Aline Oloff übergeben.

Dabei fiel mir ein Brief von Goethe ein – Goethe, der mich in den 80er Jahren intensiv beschäftigt hatte. Er schrieb knapp 60jährig in einem Brief an Zelter, dass er anfange, sich „selbst historisch zu werden“. So ging es auch mir: Beim Sortieren und Dokumentieren der Unterlagen und Dinge, die ich mitgestaltet hatte, erinnerte ich mich und reflektierte vieles, das schon lange zurücklag.

Chancen und Ambivalenzen der Neustrukturierung der HU in den 90er Jahren

Da waren zunächst die schwierigen Jahre der Um- und Neustrukturierung der HU Anfang der 90er Jahre, wo es nach der erfolgreichen Gründung des ZiF im Dezember 1989 gelang, das ZiF als Struktur zu verankern. Ich wurde daran erinnert, dass die Neuausschreibung und -besetzung aller Professuren der HU und die Befristung der meisten zuvor unbefristet besetzten Stellen im Mittelbau für viele damals an der HU arbeitenden Wissenschaftlerinnen keinen Raum mehr bot – auch nicht für die maßgebliche Initiatorin des ZiF Irene Dölling. Mit dem lange von Hildegard Maria Nickel geleiteten sozialwissenschaftlichen Arbeitskreis und den vom ZiF veranstalteten Ostfem-Tagungen und -Kolloquien boten wir bis 2011 insbesondere DDR-Wissenschaftlerinnen  die Möglichkeit, die DDR-Frauengeschichte und den Transformationsprozess aus feministischer Perspektive zu beleuchten.

Mit der Neubesetzung der Professuren an der HU wurden gleichzeitig Frauen- und Geschlechterforscherinnen berufen, wie zum Beispiel Christina von Braun, Susanne von Falkenhausen, Wiltrud Gieseke, Renate Hof, Hildegard Maria Nickel (als einzige DDR-Wissenschaftlerin), Yvonne Schütze und Inge Stephan. Diese – und viele als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen Dazukommende – bildeten die wesentliche Voraussetzung für die von Christina von Braun initiierte Einrichtung des Magisterstudiengangs Geschlechterstudien/Gender Studies 1997 und die Einwerbung des von 2005 bis 2012 erfolgreich arbeitenden DFG-Graduiertenkollegs „Geschlecht als Wissenskategorie“.

Der Umstrukturierungsprozess der HU war also ambivalent – auch der Arbeitsprozess insgesamt, der sich in den Akten spiegelte. Es fand sich vieles, an das ich mich nicht so gern erinnerte – interne Krisen und verschiedene Kürzungswellen, die es zu meistern galt. Aber ich möchte mich lieber der Erfolgsgeschichte des ZiF/ZtG zuwenden, die sich ebenfalls erzählen lässt. Aus dieser können sich angesichts aktuell gesamtpolitisch schwieriger Prozesse viel eher Zukunftszuversicht und hoffentlich auch Strategien gewinnen lassen..

Die Stärkung der Geschlechterforschung und die Einrichtung des ZtG

Zur Erfolgsgeschichte der Gender Studies an der HU gehört, dass wir die Instrumente der Frauenförderung in Zusammenarbeit mit den Frauenbeauftragten der HU, Marianne Kriszio und Ursula Fuhrig-Grubert, für die weitere Etablierung der Geschlechterforschung nutzen konnten. Besonders durch das Nachwuchswissenschaftlerinnenprogramm gelang es, zunächst C1-/C2-Stellen (für promovierte und habilitierte Wissenschaftlerinnen) und dann Juniorprofessuren mit einem Genderschwerpunkt einzurichten und Genderperspektiven in Fächer zu integrieren, wo dies bis dato nicht der Fall war.

Wiederentdeckt habe ich, wie wir um die Neustrukturierung des ZiF und des Studiengangs gerungen haben, bevor wir mit Unterstützung des Präsidiums und besonders auch des Geschicks von Susanne Baer die jetzige Struktur des ZtG im Jahre 2003 einrichten konnten. Die Besetzung der damit dem ZtG zugewiesenen drei Professuren gestaltete sich – wie vieles andere – sehr schwierig. Wie auch gegenwärtig  wieder gab es erhebliche Kürzungen im Universitätshaushalt und „Einstellungskorridore“. Fächer wie die Theologie, Rechtswissenschaft und Agrarwissenschaft waren zunächst nur bereit, zusätzlich finanzierte, d.h. geschenkte Professuren mit einem feministischen bzw. Frauen- und Geschlechterforschungsschwerpunkt durch Gastprofessuren für ein oder zwei Semester zu besetzen. Für Lehre und Studium blieben diese Stellen dadurch recht unwirksam. Aber die Akzeptanz der Gender Studies wuchs und so konnten die Professuren in der Juristischen Fakultät und den Agrarwissenschaften 2002 und 2005 dauerhaft besetzt werden. Das Institut für Europäische Ethnologie und das Nordeuropa-Institut beteiligten sich sogar hälftig an der Einrichtung einer ZtG-Professur..

All das war nur durch das Zusammenwirken vieler am ZtG aktiver Wissenschaftler*innen möglich, besonders auch durch das Engagement der wissenschaftlichen Leiterinnen des ZiF und der Sprecherinnen des ZtG sowie meines Teams der Geschäftsstelle des ZtG.

Kooperation und Vernetzung als starker Motor

Ich stieß auf viele anregende Kolloquien und Konferenzen, die ich mit den am ZtG aktiven Forscher*innen und Lehrenden planen und durchführen konnte. Beispielsweise habe ich viel Neues über mir nicht so vertraute Themen gelernt, wie die Verschränkung der Klimakrise und Nachhaltigkeitsthemen mit Geschlechterordnungen. Ich erweiterte meinen Blick über die Methodenvielfalt in den Gender Studies, dass Quanti- und Qualiforschung gut zusammengehen können, wie das Re-Writing aus Genderperspektive Gerichtsurteile hinterfragt und wie produktiv queer- und trans-readings sind. Auch internale Kooperationen und der intensive Austausch mit den Gender und Sexuality Studies der Princeton University in den vergangenen Jahren halfen uns unseren Blick zu weiten. Das von Elahe Haschemi Yekani und Silvy Chakkalakal entwickelte Projekt „Re-Imagining the Archive: Sexual Politics and Postcolonial Entanglements“ zeigten mir einmal mehr, wie Konzepte von Geschichte und Zugehörigkeit nicht nur in Uniarchiven generiert und weitergegeben werden.

Im Bereich des Open Access-Publizierens habe ich viel gelernt – insbesondere durch die Kooperation mit dem Margherita von Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung der FU und dem Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin. Wir haben das Open Gender Journal auf den Weg gebracht, das Repositorium GenderOpen aufgebaut und  den inzwischen bewilligten Fachinformationsdienst Geschlechterforschung/Gender (FID Gender) beantragt.

Netzwerke wie die afg, die KeG und die Fachgesellschaft Gender Studies halfen und helfen, wissenschaftliche und politische Akteur*innen immer wieder neu darauf hinzuweisen, wie wichtig Genderperspektiven für die Demokratie und für eine gerechter werdende Gesellschaft sind. Und sie helfen uns auch, unsere Arbeit kontinuierlich zu reflektieren, neu zu justieren und uns untereinander zu stärken. Dies ist viel unsichtbare und mühsame Arbeit, die aber in den aktuell politisch schwierigen Zeiten wichtiger denn je ist.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, die Gender Studies an der HU mit aufbauen zu helfen und ich drücke die Daumen, dass die Geschlechterforschung weiter und noch stärker eine wichtige Stimme in der Wissenschaft und in der gesellschaftlichen Entwicklung wird.Last but not least möchte ich mich bei meinem Team, den Sprecherinnen des ZtG und allen ganz herzlich bedanken, die mir ein so berührendes Verabschiedungsfest bereitet haben.

 

Gabriele Jähnert hat ihr Studium an der HU als Diplomlehrerin für Deutsch und Englisch abgeschlossen und wurde in der Deutschen Literatur mit einer Arbeit zu Goethes Antike-Rezeption promoviert. Von 1991 bis 2003 war sie die Geschäftsführerin des ZiF und von 2003 bis Februar 2026 die Geschäftsführerin des ZtG der HU.