Natürlich stapeln sich auch auf meinem Schreibtisch Bücher, und natürlich blicke ich (oft zu lange) auf einen Computerbildschirm. Das Besondere an meinem Schreibtisch in der Theologischen Fakultät in der Burgstraße ist aber diese Aussicht. Seit ich im Oktober die Professur für Dogmatik mit einem Schwerpunkt in Gender Studies übernommen habe, darf ich anschauen, wie sich der Himmel über der Spree im Laufe des Tages verändert und sehe je nach Jahreszeit Eisschollen oder Aussichtsboote auf dem Fluss treiben. Mitten in der großen Stadt mit ihren Kulturstätten (siehe Museumsinsel) und mit ihren Baustellen (siehe Kran), unter einem weiten Himmel und am Fluss – für das theologische Arbeiten, wie ich es verstehe, passt das sehr gut.
Dogmatik und Gender Studies
„Dogmatik“ ist eine theologische Disziplin, die sich entgegen dem Beiklang dieses Begriffs mit dem befasst, was im Fluss ist und eben nicht starr, unveränderlich, „dogmatisch“ feststeht: den Symbolsystemen und Narrativen der christlichen Religion im Kontext anderer Religionen und Weltanschauungen. Wir untersuchen die Transformation von Glaubenslehren durch die Jahrhunderte und in verschiedenen Kontexten (ihre Baustellen sozusagen). Dabei versuchen wir, die Sinngehalte des christlichen Glaubens für die Gegenwart nachvollziehbar zu machen – immer konstruktiv-kritisch im Verhältnis zur eigenen Tradition. Sodass zum Beispiel angehende Religionslehrer*innen und Pfarrer*innen sich im wahrsten Sinne des Wortes Begriffe darüber machen, was sie (nicht) glauben, und worüber sie mit anderen Menschen ins Gespräch kommen wollen. Aber nicht nur für Menschen, die einen religionsbezogenen Beruf ergreifen werden, kann das Studium der Dogmatik und überhaupt der Theologie interessant sein. Insofern religiöser Glaube sich auf Dimensionen der Transzendenz bezieht und Antworten auf existentielle Grundfragen sucht, bietet das Studium der Dogmatik Räume zum Nachdenken über Lebensthemen. So unterrichte ich auch im Masterstudiengang Religion and Culture, und Studierende aus Philosophie, Gender Studies oder anderen vor allem kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern belegen Kurse bei uns.
Eine Besonderheit des Berliner Lehrstuhls für Dogmatik ist seit Oktober 2025 die deutschlandweit einmalige Ergänzung: „mit einem Schwerpunkt in Gender Studies“. Dogmatik und Gender – das steht für die Untersuchung genderbezogener Symbole und Narrative der Glaubenslehre und im weiteren Sinne für eine kritische Reflexion ihrer soziokulturellen Bedingtheiten. Inwiefern sind Glaubensgehalte durch Vorstellungen und Praktiken von Geschlecht als fundamentaler Kategorie von Weltorientierung geprägt, und welchen Einfluss nehmen umgekehrt religiöse Glaubensvorstellungen und -praktiken auf geschlechtsbezogene Normen und Rollen? Allein das wirkmächtige Bild Gottes als Vaters und die Bedeutung Jesu Christi als häufig (aber keineswegs immer!) männlich gelesener Erlöserfigur werfen Fragen auf, in deren Zusammenhang die Beschäftigung mit Genderforschung inspirierend ist.
Macht, Selbstbestimmung, Individualität – Spotlights auf Lehre und Forschung
In Lehre und Forschung beschäftigen mich zur Zeit vor allem Themen einer machtkritischen Perspektivierung der christlichen Glaubenslehre. So habe ich mit Studierenden der Gender Studies, der Theologie, der Philosophie und anderer Fächer in einem Seminar über „Ohnmacht und Allmacht Gottes“ nachgedacht. Dabei haben wir Texte zu Machtfragen unter anderem aus feministisch-theologischer, feministisch-philosophischer und politikwissenschaftlicher Perspektive diskutiert und eigene Erfahrungen mit Macht und Ohnmacht in sozioreligiösen Kontexten bedacht – einschließlich einer Infragestellung der Binarität von Allmacht und Ohnmacht. Im Anschluss an die Diskussionen im Seminar habe ich „Überlegungen zu einer machtkritischen Theologie des Abendmahls“ aufgeschrieben (erscheinen demnächst) und hierfür neben verschiedenen Texten von Judith Butler solche von Hanna Reichel, Nancy L. Eiesland (dis/abilitysensible Theologie) und Linn M. Tonstad (queere Theologie) herangezogen.
Aus einem anderen Seminar zu „Queeren Theologien“ entwickeln wir gerade eine Sozietät „Dogmatik&Gender“. In der ersten Sitzung dieses forschungsorientierten Lesekreises mit Studierenden, Promovierenden und Postdocs haben wir Donna Haraways „Cyborg Manifesto“ besprochen, in welchem queertheoretische, postkoloniale und technikphilosophische Denk- und Imaginationsfäden zusammenlaufen. Haraways wirkmächtiger Text ist durchzogen von religiöser Terminologie und Bildsprache, nicht erst im immer wieder zitierten letzten Satz „I would rather be a cyborg than a goddess“. Der religiösen Tiefendimensionen verschiedener Konzeptionen aus dem Bereich der Geschlechterforschung ebenso wie ihrer immer wieder kritischen Perspektive auf Religion möchte ich persönlich in den nächsten Jahren vor allem in einer meiner eigenen Lebensfragen nachgehen, die zugleich von hohem theologischen Interesse ist: Wie sind Individualität und individuelle Selbstbestimmung zu denken, ohne in die Falle des Individualismus und einer naiven Autonomiegläubigkeit auf der einen Seite und des Kollektivismus und einer unmündigen Autoritätsgläubigkeit auf der anderen Seite zu tappen? Und welche Rolle spielt die Religion hierbei?
Digitalisierung und Doing Dogmatics
Die Frage nach gelingender Selbstbestimmung stellt sich gerade in Zeiten fortschreitender Digitalisierung der Kultur. Die mit dem Verweis auf Haraway bereits angeklungene digitale Transformation menschlicher Lebenswelten beschäftigt mich seit nunmehr 15 Jahren, als das Thema zumindest in der Theologie noch ein echtes Nerd-Thema war. Meine Habilitation habe ich unter dem Eindruck der Corona-Pandemie zu „Präsenz. Religiöse Praxis in digitalen Kulturen“ geschrieben. In Zukunft möchte ich meine Forschung zur Theologie der Digitalität noch stärker als bisher mit genderbezogenen Fragestellungen verbinden. In Berlin habe ich hierfür hervorragende Bedingungen: Aus meinem Büro kann ich in Richtung des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien ebenso blicken wie in Richtung des Interdisziplinären Zentrums für Digitalität und digitale Methoden am Campus Mitte. An beiden Zentren bin ich (Zweit)Mitglied – und sehr gespannt, welche Verbindungslinien ich als Theologin zwischen den beiden Großthemen „Gender“ und „Digitalität“ ziehen kann, gemeinsam mit den anderen dort lernenden und lehrenden Menschen. Hier deutet sich der wohl einzige Nachteil beim Blick aus meinem Bürofenster an: Andere Menschen sind nur in der Ferne zu sehen. Doch eigentlich bedeutet „Doing Dogmatics“ für mich vor allem das: Miteinander, im Gespräch und manchmal auch im (versöhnlichen) Streit über theologische = existentielle Fragen zwischen Himmel und Erde nachdenken.
Lesetipps/Tipps zum Weiterlesen:
Zum „Umbau“ der christlichen Glaubenslehre zum Bespiel: „Nicht blos eine Idee“: Der Glaube an das ewige Leben – Perspektiven aus der Theologie Albrecht Ritschls und ihre Aktualität, in: Christine Axt-Piscalar, Matthias Schnurrenberger (Hg.), Albrecht Ritschl. Zur Aktualität seines theologischen Programms, Dogmatik in der Moderne Bd. 60, Tübingen 2025, S. 229–246.
Zur digitalen Theologie zum Beispiel: Digitale Verbundenheit in theologischer Perspektive. Überlegungen zur Gemeinschaftsbildung in Social Media, in: Frederike van Oorschot, Lars Allolio-Näcke, Simon Haug (Hg.), Mensch 4.0: Interdisziplinäre Explorationen sich verändernder Weltverhältnisse, FEST Forschung Bd. 3, Heidelberg 2024, S. 245-265.
Zur theologischen Machtkritik (auch) aus gendertheologischer Perspektive zum Beispiel:
Der erwähnte Aufsatz „Überlegungen zu einer machtkritischen Theologie des Abendmahls“ erscheint in diesem Jahr in der Zeitschrift Evangelische Theologie.
Christina Costanza ist seit Oktober 2025 Professorin für Dogmatik mit einem Schwerpunkt für Gender Studies an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität. Zuvor hat sie unter anderem als Pfarrerin einer Göttinger Vorstadtgemeinde und in der Nähe von München als Studienleiterin und Rektorin in der evangelisch-theologischen Fortbildung für kirchenleitende Personen gearbeitet. Der Dialog zwischen Wissenschaft und religiöser bzw. gesellschaftlicher Praxis ist ihr ein besonderes Anliegen. In der Promotion hat sie zum Verhältnis von Eschatologie und Ethik gearbeitet, in der Habilitation zur religiösen Praxis in digitalen Kulturen.