In einer Zeit, in der rechte Parteien erstarken und sich die politische Mitte ihnen zunehmend annähert, verändert sich das gesellschaftliche Klima spürbar. Dazu zählt die wachsende Salonfähigkeit von Misogynie und Queerfeindlichkeit in politischen und medialen Diskursen. Entwicklungen, mit denen sich insbesondere die Queer-Community, Frauen* sowie Menschen mit feministischen Überzeugungen konfrontiert sehen.
Es kann entmutigend sein, das Fach Gender-Studies zu studieren, während rechte Kräfte „Gender“ gezielt als Kampfbegriff instrumentalisieren. Umso wertvoller war für mich der sechsmonatige Austausch mit Katharina Pühl, Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, im Rahmen des vom ZtG organisierten Mentoring-Programms. In diesem Artikel möchte ich auf diesen Austausch und auf meine weiterführenden Gedanken zum antifeministischen Backlash in Bezug auf meine im Studium erlernten Inhalte eingehen.
Antifeminismus als Einstieg in rechte Radikalisierung
Da mein Mentoring an der Rosa-Luxemburg-Stiftung in eine politisch aufgewühlte Zeit fiel –die Auflösung der Bundesregierung Ende 2024 und die Neuwahlen im Februar 2025 –, entstanden besonders offene Gespräche über persönliche Sorgen im Hinblick auf die aktuelle politische Lage.
Häufig diskutiert wurde die steigende Popularität rechter und misogyner Inhalte auf Social Media: Frauenfeindliche Thesen, getarnt als Lifestyle-Tipps, dienen zunehmend als Einstieg in rechte Radikalisierungsprozesse und erreichen vor allem junge Menschen. Daraus entwickelte sich mein Interesse an der Rolle von Antifeminismus innerhalb rechter Radikalisierungsprozesse, inzwischen ein Themenfeld meiner Bachelorarbeit.
Antifeminismus ist ein zentraler Baustein rechter Ideologien, da er hierarchische Rollenbilder verteidigt (Strobl, 2022). Doch antifeministische Ressentiments finden sich längst nicht nur in rechten Milieus. In einer Öffentlichkeit, in der Sexismus, patriarchale Denkweisen und transfeindliche Einstellungen weit verbreitet sind, fungiert Antifeminismus als Brücke zwischen der Mitte und den rechtsextremen Rändern.
„Adolescence“ und die Manosphere
Die britische Netflix-Serie „Adolescence“ (2025) greift das Thema frauenfeindlicher Radikalisierung im Netz auf und hat die Debatte über digitale Radikalisierungsprozesse und geschlechtsspezifische Gewalt weiter angefacht. Die Serie erzählt von Jamie, 13, der verhaftet wird, weil er seine Mitschülerin ermordet haben soll. Es zeigt sich, dass Jamie und seine Mitschüler*innen den misogynen Onlinecontent der sogenannten Manosphere konsumieren und weiterverbreiten. Die ausgelöste Debatte sagt viel mehr über die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse aus als die Serie selbst. Über dieses Thema tauschte ich mich intensiv mit meiner Mentorin Katharina Pühl aus.
Politiker*innen zeigten sich alarmiert. Premierminister Keir Starmer riet Eltern, die Serie mit ihren Kindern zu sehen, und warnte vor dem enormen Einfluss sozialer Medien (Hinsliff, 2025). Der in der Serie erwähnte Andrew Tate, zentrale Figur der „Manosphere“, propagiert ein Männlichkeitsbild auf Basis brutaler Gewalt und Frauenverachtung. Umso überraschender ist Tates Reaktion auf die Serie: Sein Pressesprecher kritisiert, es greife zu kurz, die Tücken von Online Influencing und das Problem von Radikalisierung und Gewalt einer Einzelperson anzuhängen. Stattdessen handele es sich um „weitaus tieferliegende kulturelle und systemische Ursachen“ (Ghodsee, 2025).
Tiefliegende kulturelle und systemische Ursachen
Damit trifft Tates Pressesprecher (ob gewollt oder nicht) einen wichtigen Punkt, der in der politischen Debatte ignoriert wird: Natürlich dürfen wir die Rolle sozialer Plattformen bei der Verbreitung rechter und frauenfeindlicher Ideologien nicht unterschätzen, jedoch sollten auch die fest verwurzelten misogynen und patriarchalen Denkmuster unserer analogen Welt nicht außer Acht gelassen werden. Es besteht weiterhin ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern in einer Gesellschaft, in der Catcalling keinen eigenen Strafbestand bildet und Abtreibung im Strafgesetzbuch verankert ist. Der Unterschied zwischen Männern, die sich in Online-Foren radikalisieren, und Männern der sogenannten gesellschaftlichen Mitte kann graduell sein. Sie sind verbunden durch eine Sozialisation, die trotz rechtlicher Gleichstellung patriarchale Männlichkeitsnormen reproduziert und dadurch die Erwartung erzeugen kann, Anspruch auf Frauen(-körper) zu haben (Kaiser, 2021). Im Zentrum der Debatte sollte daher der gesellschaftliche Nährboden stehen, der solche gewaltvollen Radikalisierungsprozesse ermöglicht und Individuen wie Andrew Tate Sprache verleiht.
Ökonomische Verhältnisse
Die Ursachen für den autoritären Backlash sind komplex. Ein zentraler Erklärungsansatz, den ich in meinem Studium kennenlernen durfte, betrachtet die ökonomischen Verhältnisse des Spätkapitalismus. Globalisierungsprozesse und die neoliberale Umwälzung der Arbeitswelt, die Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert wurde, führten zu einer breiten Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen. Das kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftssystem zeigte sich insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts als krisenanfällig (Heitmeyer, 2018). Die wachsende Unsicherheit am Arbeitsmarkt wird vielfach als Kontrollverlust erlebt, ein maßgeblicher Grund für den Wunsch nach ‚alter Ordnung‘, also nach autoritären Politikversprechen und Ideologien. Dieses Gefühl von Kontroll- und Machtverlust ist häufig geschlechtsspezifisch bzw. abhängig von der Position im Sozialraum: Während Frauen, POCs und andere marginalisierte Gruppen schon lange unter prekären Bedingungen leben, erleben insbesondere weiße Männer den Verlust von Status und Sicherheit als persönliche Kränkung (Kaiser, 2021).
Daraus folgt…
Der Erfolg antifeministischer Parolen ist meines Erachtens kein Zufall oder allein dem Algorithmus sozialer Medien zuzuschreiben. Während in Berlin sowie bundesweit soziale Leistungen gekürzt werden und notwendige Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder (Non-Profit-)Organisationen, die sich für Vielfalt einsetzen, mit dem Verweis auf Sparzwänge ausbleiben, werden rechte und antifeministische Narrative salonfähig und gewaltvolle Sprache normalisiert.
Insbesondere junge Menschen, die in einem Klima ökonomischer Unsicherheit, Konkurrenz und Vereinzelung nach Orientierung suchen, sind empfänglich für einfache, emotional aufgeladene Erzählungen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, halte ich es für besonders wichtig, Familien durch gut ausgestattete Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zu unterstützen, jungen Menschen Anlaufstellen in Krisensituationen zu bieten und Räume demokratischer Bildung zu schaffen, in denen Gemeinschaft und Solidarität nicht nur vermittelt, sondern auch erlebt werden können. Andernfalls steigt die Gefahr, dass verstärkt junge Menschen Zugehörigkeit und Gemeinschaft allein vor dem Bildschirm suchen – in Foren, die Hass und Radikalisierung befördern.
Was ich mitnehme
Meine Zeit an der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, gesellschaftliche Entwicklungen im Kontext ihrer historischen und materiellen Bedingungen zu analysieren und dabei die oft ausgeblendete Geschlechterdimension konsequent mitzudenken. Diesen analytischen Zugang, den ich aus dem Gender-Studies-Studium mitbringe, im Kontext von politischer Bildung und Analyse anzuwenden, ist ein prägender Impuls aus dem Mentoring, der mich in meinem Studium und politischen Denken weiter begleiten wird. Nicht zuletzt hat das Mentoring mein Bachelorarbeitsthema maßgeblich geprägt und mir gezeigt, wie breit das Tätigkeitsspektrum politischer Stiftungen ist. Spannend finde ich die Schnittstellen, an denen Forschung, feministische Theorie und politische Praxis ineinandergreifen: Ein Arbeitsfeld, das ich mir für meine berufliche Zukunft vorstellen kann.
Quellen
Heitmeyer, Wilhelm. Autoritäre Versuchungen. Originalausgabe, 3. Auflage. Edition Suhrkamp 2717. Suhrkamp, 2018.
Hinsliff, Gaby. „Keir Starmer Praised Adolescence. Now He Needs to Show He’s Learned from It“. The Guardian, 21. März 2025. https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/mar/21/adolescence-netflixpolitics- children-social-media.
Kaiser, Susanne. Politische Männlichkeit: wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen. 2. Auflage. Edition Suhrkamp 2765. Suhrkamp, 2021.
Ghodsee, Kristen. „Wie die Manosphere Männer hinters Licht führt“. Interviewt von Meagan Day. Übersetzt von Tim Steins. 9. Mai 2025. Zeitschrift. https://jacobin.de/artikel/feminismus-maskulin-tate-sexismus-chauvinismus- maennerpatriarchat.
Strobl, Natascha. „Natascha Strobl über Antifeminismus“. Interviewt von Rosa-Luxemburg-Stiftung. 1. August 2022. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=vNm9BMORxao.
Beitragsbild von Maxproject auf Pixabay (Pixabay Content Licence)
Mia Roost (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 an der Humboldt-Universität zu Berlin den Master Gender-Studies. Zuvor hat sie dort ihren Bachelor in Kulturwissenschaft absolviert. Ihre Interessensgebiete liegen vor allem in der Verschränkung von Sozialpolitik und Gender, antifeministischer Radikalisierungsprozesse sowie feministischer Ökonomie.