Als Ergebnis jahrelanger aktivistischer Bemühungen trat im November 2024 das sog. ‚Selbstbestimmungsgesetz‘ in Kraft. Es vereinfacht den Prozess der Vornamens- und Personenstandsänderung, der zuvor unter dem ‚Transsexuellengesetz‘ langwierige, teure und erniedrigende Zwangsbegutachtungen und Gerichtsverfahren nötig gemacht hatte. Seither ist der Wechsel des Vornamens und des Geschlechtseintrags per eidesstattlicher Erklärung für Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft möglich. Menschen ohne deutschen Pass haben keinen Zugang zu dieser Regelung. In derselben Sitzung verabschiedete der Deutsche Bundestag auch eine Verschärfung des Asylrechts mit dem Ziel, schneller und rigoroser in sog. sichere Drittstaaten abzuschieben, sowie die gesetzliche Grundlage für die Einführung der ‘Bezahlkarte’, die die finanzielle Selbstbestimmung von betroffenen Personen massiv einschränkt. Diese gleichzeitige rechtliche Anerkennung geschlechtlicher Selbstbestimmung einerseits und die Verschärfung migrationspolitischer Repressionen andererseits macht deutlich, wie sich Fortschritte und Ausschlüsse entlang unterschiedlicher Macht- und Ungleichheitsachsen überlagern – und verweist damit exemplarisch auf die Notwendigkeit einer intersektionalen Perspektive.
Der neue und nun bereits dritte Sammelband, der aus dem Inter*Trans*Wissenschaftsnetzwerk (ITW) hervorgeht, widmet sich Positionen, Perspektiven, Praktiken und Körpern jenseits der cis-endo-Zweigeschlechtlichkeit. Darüber hinaus wollen die Beiträge der Verflechtung von Geschlecht mit weiteren Machtdimensionen Rechnung tragen. Anknüpfend an die bisherigen Bände des ITW zur aktuellen Forschung zu Trans* und Inter* Studien im deutschsprachigen Raum versammelt dieser Band Beiträge, die einen normativitätskritischen Blick einnehmen, sowie Beiträge, die die Intersektionen von Macht- und Dominanzverhältnissen im Feld der Trans* und Inter* Studien systematisch berücksichtigen. Der Sammelband wird am 24.04.26 im Spinnboden vorgestellt.
Trans* und Inter* Studien
Trans* und Inter* Studien sind als Wissenschaftsdisziplinen zu verstehen, die sich kritisch mit geschlechtlicher Binarität, ihren Bedingungen und ihren Auswirkungen für das (Über)leben von trans*, inter* und nicht-binären Menschen auseinandersetzen (De Silva 2018). Die Herausgebenden des Sammelbandes nutzen den deutschen Begriff Trans* und Inter* Studien im Gegensatz zu den im anglophonen Kontext genutzten Begriff der Trans bzw. Inter Studies, um sich in den deutschsprachigen Wissenschaften zu verorten. Begriffe wie trans*, inter* und nicht-binär werden als Selbstbezeichnungen mit widerständigem Potential und als weite Sammelbegriffe genutzt. Zugleich tragen trans*, inter* und nicht-binäre Vergeschlechtlichungen auch eine Geschichte von gewaltvoller, kolonial-rassistischer Produktion von geschlechtlicher Kategorisierung in sich (binaohan 2014; Snorton 2017). Die Perspektiven von trans*, inter* und nicht-binären Forschenden, ebenso wie von Subjekten im Forschungsprozess, sind intersektional verwoben. Dennoch ist der wissenschaftliche Kanon auch der Trans* und Inter* Studies im deutschsprachigen Raum stark von weißen Perspektiven dominiert. Umso wichtiger war es den Herausgebenden, die Autor*innen darin zu ermutigen, die Verschiedenheit von Lebenswelten und Verschränkungen von Subjektpositionen mitzudenken und damit homogenisierenden Bildern von trans*, inter* und nicht-binären Perspektiven und Lebensrealitäten entgegenzuwirken.
Schwerpunkte des Sammelbandes
Alle Beiträge sind gespeist von Wissen aus der wissenschaftlichen Community, die sich selbst als trans*, inter* und nicht-binär versteht oder solidarisch dazu forscht. Gemeinsam ist den Beiträgen im Band eine Kritik an hegemonialer Wissensproduktion, die unreflektiert Normen über Geschlecht, Körper, Rassifzierung usw. re_produziert. Die Beiträge machen dabei deutlich, dass Wissen und Erfahrungen aus trans*, inter* und nicht-binären Communitys von besonderem Wert sind. Sie stellen mitunter spezifisches, nicht-hegemoniales Expert*innen- und Erfahrungswissen dar und zielen darauf ab, neben akademischem Erkenntnisgewinn auch dieses Wissen aus Communitys zu explizieren und zu archivieren.
Die Beiträge des Sammelbandes unterteilen sich in die Abschnitte Medizinkritik, Repräsentation und Community Wissen und Praktiken. Diese stellen drei zentrale Forschungsschwerpunkte innerhalb der Trans* und Inter* Studien dar. Erstens lässt sich Medizinkritik im Kontext von Trans* und Inter* Studien als kritische Auseinandersetzung mit Gesundheitssystemen und deren Auswirkungen auf diskursive und lebensweltliche Realitäten von trans*, inter* und nicht-binären Personen fassen. Aufgrund der medizinischen Geschichte und deren enger Verwobenheit mit gesellschaftlich anerkannten Geschlechterkonzepten stellt der Blick auf medizinische Diskurse, Diagnosen sowie deren Anwendung seit Beginn der Trans* und Inter* Studien (vor allem seit den 1980er-Jahren) einen wichtigen Pfeiler dar (Hoenes/Schirmer 2019). Zweitens ist Repräsentation für die Trans* und Inter* Studien ein zentrales Konzept, da Repräsentationen beeinflussen, welche stereotypen Vorstellungen von trans*, inter* und nicht-binären Personen in der Gesellschaft vorherrschen. Repräsentationen prägen nicht nur das gesellschaftliche Bild von trans*, inter* und nicht-binären Personen, sondern auch Selbstverständnisse, Rechte und Zugang zu Ressourcen (Namaste 2000). Der dritte Abschnitt stellt Wissen und Praktiken von trans*, inter* und nicht-binären Personen ins Zentrum. Er bietet Einblicke in Erfahrungen zwischen und innerhalb von trans*, inter* und nicht-binären Communitys und gibt wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse weiter.
Zeit zum Netzwerken
Insbesondere in Zeiten von intensiviertem Rechtsruck ist es umso wichtiger, sich zu vernetzen, zusammen zu kommen und über Themen der Trans* und Inter* Studien zu diskutieren. Das Inter*Trans*Wissenschaftsnetzwerk ist ein Zusammenschluss von Personen, die auf nicht-pathologisierende Art und Weise zu Inter*- und Trans*Themen forschen und arbeiten. Das Netzwerk besteht nun seit über einem Jahrzehnt. 2015 richtete das ITW die erste gemeinsame Tagung in Oldenburg aus. Seitdem sind aus diesem fluiden Netzwerk verschiedene weitere Tagungen, Sammelbände, Kolloquien und Austauschrunden zu Lehre von und für Nachwuchswissenschaftler*innen entstanden.
Vorstellung des Sammelbandes
Am Freitag, den 24.04.2026 um 19 Uhr findet eine Lesung mit einzelnen Beiträgen und Herausgebenden des Sammelbandes statt. Wer einen Einblick in den Sammelband bekommen will, ist herzlich willkommen im Spinnboden, Anklamer Straße 38 2. HH, 10115 Berlin.
Literatur
binaohan, b. (2014): decolonizing trans/gender 101. Toronto
De Silva, Adrian (2018): Negotiating the Borders of the Gender Regime. Developments and Debates on Trans/sexuality) in the Federal Republic of Germany. Bielefeld
Hoenes, Josch; Utam Schirmer (2019): Transgender/ Transsexualität. Forschungsperpektiven und Herausforderungen. In: Kortendiek, Beate; Birgit Riegraf; Katja Sabisch (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Wiesbaden
Namaste, Viviane K. (2000): Invisible Lives. The Erasure of Transsexual and Transgendered People. Chicago
Snorton, Riley (2017): Black on both sides. A racial history of trans identity. Minnesota
Esto Mader promovierte in Sozialwissenschaft an der Univ. Köln, ist derzeit Postdoc am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der HU Berlin mit den Schwerpunkten Geschlechterverhältnisse und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und an Hochschulen, Queere und Trans* Studien, Intersektionalität sowie Wissenschaftskritik.