Collage mit einer Person von hinten in einer schwarzen Jacke mit der Aufschrift 'ISOLATION BERLIN' vor einem orange-gelben Hintergrund mit verschiedenen ausgeschnittenen Texten wie 'Mimikry', 'Frieren lernen', 'Besitzansprüche' und 'DIE ABART'.

Writing (As) Bodies: Wo somatische Praxis auf akademisches Schreiben trifft. Einblicke ins Somatic Lab.

Wie fühlt sich dein Körper an, während du diesen Text liest? Gibt es eine (körperliche) Resonanz in dir? Wo und wie nimmst du diese wahr?

Diese Fragen haben uns durch die letzten beiden Semester begleitet. Wir, das sind etwa 35 Studierende, die im Wintersemester 2025/26 bzw. im Sommersemester 2026 das Seminar „Body Research_Research Body: A Somatic Lab On Writing (As) Bodies“ belegt und gemeinsam mit mir, Anna Maren Trunk, mit Leben gefüllt haben. Im Zentrum stand dabei das Forschen an den Schnittstellen von (Ver)Körper(ung) und kreativ-akademischer Schreibpraxis.

Wenn du möchtest, lesende Person, fühl’ dich herzlich eingeladen, diesen Artikel durch die Linse der oben genannten somatischen Lesefragen zu betrachten – zu erleben. Was verändert sich, wenn du deinen Körper bewusst(er) wahrnimmst, während du liest?

Warum ein Somatic Lab?

„Diese Trennung von Körper und Kopf/Denken ist so sehr in mich eingeschrieben, dass ich kaum weiß, wie ich über mich als Ganzes […] sprechen/schreiben soll. [Ich bemerke,] wie ich mich selbst durchkategorisiere und dabei ständig die Verbindung verliere“ (Kursteilnehmer*in Nikita; Anpassungen und Ergänzungen durch Anna Maren Trunk).

Die Idee für dieses Seminar ist schon vor einer ganzen Weile entstanden, während ich selbst im Master Gender Studies am ZtG studierte und zeitgleich eine Ausbildung zum Coach für Somatik und Sexualität beim ISB Berlin absolvierte. In beiden Lernräumen setzte ich mich mit ähnlichen Themen auseinander: Positionierung und Situiertheit, Zusammenhänge zwischen strukturellen Verhältnissen und konkret-alltäglichem Erleben, Gewalt(-folgen) und Traumata, kurzum, mit dem Politischen im Persönlichen. Allerdings auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen.

Im Studium lag der Schwerpunkt auf der Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen: Ich lernte zu begreifen, warum die Dinge sind, wie sie sind, lernte Konzepte und Worte kennen, die mich dabei unterstützen, Sinn aus der Welt und meinen eigenen Erfahrungen zu machen. Ich lernte Fragen zu stellen, Diskussionen zu führen, Texte zu schreiben und die Veränderungen, die ich mir wünsche beziehungsweise für (überlebens-)notwendig erachte, argumentativ zu begründen.

Somatische Lernräume brachten mich in Kontakt mit dem, was ist: Mit meinem Körper, meiner Wahrnehmung, meinen Empfindungen und Emotionen. Mit der Wut, welche die darunterliegende Trauer und Ohnmacht krampfhaft zu deckeln versucht. Mit der Verletzlichkeit, die sich hinter einem Schild aus performativer Härte und Argumenten verschanzt. Mit dem Schmerz, der mich zu Boden reißt und den Tränen, die mir die Kehle zuschnüren.

Da stand ich also, im Dazwischen, verwirrt. Und inspiriert. Ahnend, dass eben dieser Irritation, dieser Lücke, etwas Wertvolles innewohnt: Ich sehnte mich nach (Lern-)Räumen, die Verbindungen zwischen diesen beiden ‚Welten‘ herzustellen vermögen, in denen analytisches, (macht-)kritisches Denken und solidarisches Streiten ebenso Platz hat wie das Spüren und Fühlen, die bewusste, gemeinsame Auseinandersetzung mit (eigenen, ‚anderen‘, kollektiven) Erfahrungen und Emotionen.

Im März 2025 fasste ich den Entschluss, eben diesen Raum selbst zu gestalten und konzipierte das Seminar „Body Research_Research Body: A Somatic Lab On Writing (As) Bodies“, das im Rahmen meines Lehrauftrags am ZtG im Wintersemester 2025/26 und Sommersemester 2026 gleich zweimal in Folge Umsetzung finden konnte.

ReWritingSearching

Das Somatic Lab materialisierte sich als interaktiver Begegnungsraum, der ebenso von den Perspektiven, Fragen und Impulsen der Studierenden getragen wurde, wie von meinen praktisch-methodischen und inhaltlich-theoretischen Vorschlägen.

Das gemeinsame somatische Ankommen markierte den Beginn jeder Sitzung. Ein Moment, um bei sich selbst und im Raum zu landen, bewusst wahrzunehmen: Wie geht es mir grade? „Was macht mein Körper?“ (Kursteilnehmer*in) Was bewegt sich in mir? Eine kurze Ankommensrunde, ein Wort, ein Satz von jeder Person: Wie bist du da? – Müde. Hungrig. Gestresst. Okay. Satt. Neugierig. Unsere Stimmen hören.

Thematisch tauchten wir in diverse Bereiche ein, die wir jeweils durch die Körper-Linse betrachteten, darunter Fürsorge, Reproduktion und Selbstbestimmung. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie sich unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Gewalt in Körper einschreiben.

Gleichermaßen interessierten uns epistemologische (erkenntnistheoretische) Dimensionen, zum Beispiel die Frage, welche Rolle Körper beim Schreiben und Lesen von (akademischen) Texten – in der Wissensproduktion und -Vermittlung – spielen. So experimentierten wir beispielswiese mit Embodied Reading (Ass & Bear) und Writing sowie mit kollektiven Schreibpraktiken.

Im Fokus standen dabei stets die Verbindungen: Zwischen dem, was ich da lese, höre, schreibe und dem, was ich wahrnehme, spüre, fühle. Nicht im Sinne einer ‚gefühlsbetonten Verklärung‘ wissenschaftlicher Diskurse, sondern als ehrliche Resonanz und Anerkennung dessen, was Texte, Diskussionen, Themen mit denen/durch die wir in Kontakt sind, mit uns machen.

Bemerken. Erstmal bemerken, was ist.

Somatics and/in Academia

„The body, not the thinking brain, is where we experience most of our pain, pleasure, and joy, and where we process most of what happens to us. It is also where we do most of our healing, including emotional and psychological healing. And it’s where we experience resilience and a sense of flow“ (Menakem, 2017, S. 12).

Es gibt meiner Ansicht nach wenige Fachbereiche, die sich so intensiv wie die Gender Studies mit diversen Macht-, Ungleichheits- und Gewaltverhältnissen auseinandersetzen. All das passiert meist auf einer rein kognitiven Ebene. Daran ist per se nichts falsch, wir brauchen unser Denken, um Sinn aus den Unsäglichkeiten dieser Welt zu machen und um entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Was, wenn es dabei bleibt? Wenn es abgesehen vom Denken kaum Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dem Gelernten gibt, zur Integration?

Resmaa Menakem – Schwarzer, abolitionistischer Aktivist und Traumatherapeut – versteht den Körper als zentralen Ort des Erlebens und der Heilung. Der Körper erinnert, was uns widerfahren ist, auch wenn unser Verstand zu vergessen versucht. Manches mögen wir (daher) zwar kognitiv begreifen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir tatsächlich dazu in der Lage wären, entsprechend zu handeln. Langfristige Veränderung ist Staci Haines folgend nur möglich, wenn der Mensch als gesamtes Wesen, als vielschichtig-komplexer Organismus, als Soma angesprochen wird.

Was bedeutet das für das Lernen und Lehren in universitären Kontexten?

Ins Spüren kommen

würde ich richtig aufmerksam hinhören, lesen, spüren

würde ich das akademische Tempo nicht halten können (Kursteilnehmer*in)

Sie sind spürbar, die Begrenzungen der akademischen Welt, in jedem Moment, auch in diesem. Es gibt noch viel zu sagen, zu besprechen, doch die 1.000 Wörter neigen sich gen Ende.

Sie ist spürbar, die Sehnsucht nach mehr Spüren. Nach Raum zum Denken, Sein und Schreiben – „ohne Geländer“ (Hannah Arendt). Freihändig balancierend, getragen vom eigenen Rhythmus, gehalten von Fürsorge und Gemeinschaft.

Wie können wir gemeinsam neu Wege beschreiten_schreiben? Was braucht es, was brauchen wir, um mit dem, was ist – auf Papier, im Seminarraum, in uns – präsent sein und bleiben zu können? Und „welch transformatives Potential hat Vulnerabilität, wenn wir sie als Methode für das Lernen und den Umgang miteinander in universitären Kontexten denken?“ (Kursteilnehmer*in Nikita)

Aushalten.                   Nichtwissen.              Ruhe.                                         Raum.                           Halten.

Handschriftliche Notizen auf weißem Papier mit dem Text 'Was heißt es frei zu sein beim schreiben' und mehreren Variationen von 'frei schreiben wie schreiben' sowie der Frage 'wie willst du schreiben'
erstellt von Kursteilnehmer*in

 

Anna Maren Trunk studierte Ethnologie, Psychologie und Gender Studies in Heidelberg, Yogyakarta und Berlin. Parallel dazu bildete sich Anna in den Bereichen Somatik und Körperarbeit weiter und wurde in der Awareness-Bewegung aktiv. Heute ist Anna freiberuflich tätig an der Schnittstelle von Geschlechterforschung, kritischer Bildungsarbeit und somatischer Praxis. Anna entwickelt Lernräume zu Themen wie verkörpertem Wissen, Awareness und diskriminierungssensibler Zusammenarbeit und verbindet dabei wissenschaftliche Reflexion mit Erfahrungswissen und verkörpertem Lernen.

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