Dass ich einmal an diesem Schreibtisch im ZtG sitzen würde, habe ich im Oktober 1997 bei meinem Start ins Gender Studies-Studium nicht geahnt. Ja, ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass es diesen Schreibtisch der Geschäftsführung des damals noch „Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung“ (ZiF) überhaupt gibt. Das Zentrum und damit auch Gabi Jähnert, die Geschäftsführerin des ZiF, lernte ich erst im Laufe meines Studiums kennen.
Ankommen in den Gender Studies an der Humboldt-Universität
Im Frühsommer 1997 saß ich etwas ratlos bei der allgemeinen Studienberatung der Humboldt-Universität und versuchte in Worte zu fassen, wofür ich mich interessierte, immer noch zweifelnd, ob die Universität tatsächlich der richtige Ort für mich sei. Ich war gerade aus Frankreich und Italien zurück, wo ich zwei Jahre auf dem Land und in der Landwirtschaft verbracht hatte. Die Sprachen waren mir vertraut, also irgendetwas damit machen? Und sonst? Politik, Geschichte, Literatur, Feminismus… Bei diesem Stichwort zog die Person, die mir gegenübersaß, einen Zettel aus der Schublade: „Ich glaube, ich habe da was für Sie!“ Es werde ab Wintersemester einen neuen Studiengang an der Humboldt-Universität geben: Gender Studies. Die Entscheidung war dann relativ schnell getroffen und im Oktober 1997 begann mein Leben als Student*in mit Gender Studies und Französisch als Studienfächern, die sich erstaunlich gut kombinieren ließen. Im Französisch-Studium holte ich mir Theorie-Input (französischen Feminismus, Dekonstruktion, Psychoanalyse) und lernte viel über französische Geistesgeschichte – alles wichtige Grundlagen für die Genderkritik, die ich in den Gender Studies kennenlernte.
Schreibtische im Studium
Während des Studiums standen Schreibtische (und Küchentische als Schreibtischersatz) an vielen verschiedenen Orten in Berlin, zeitweilig in Paris und am Ende des Studiums dann unter anderem auch in der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. An diesem Schreibtisch Unter den Linden habe ich Aufgaben als studentische Beschäftigte am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien erledigt – die drehten sich damals meist um Gender Mainstreaming – und meine Magisterarbeit geschrieben, die ebenfalls die Übersetzung der gleichstellungspolitischen Strategie des Gender Mainstreaming in Verwaltungshandeln zum Thema hatte. Ich versuchte mit Bourdieus Werkzeugen, insbesondere dem Habitus-Feld-Konzept zu verstehen, wie Veränderungsprozesse in Organisationen funktionieren und woran sie möglicherweise scheitern. Nebeneffekt der intensiven Auseinandersetzung mit Bourdieus theoretischen Überlegungen, Methodologien und Analysen war eine tiefgreifende Einsicht in das Feld der Wissenschaft, ihrer Institutionen und ungeschriebenen Gesetze und ein Verständnis meiner eigenen Verortung darin. Das verschaffte mir Distanz zum wissenschaftlichen Spiel, zu dessen Fortsetzung ich mich nach einigem Zögern und Umwegen dann doch entschied.
Schreibtische nach dem Studium
Meine erste WiMi-Stelle hatte ich an der Technische Universität Berlin in einem klassischen Forschungsprojekt in der Soziologie, genauer in der Organisationsforschung. Auf der Suche nach feministischer Theorie und Wissenschaftskritik landete ich allerdings schnell am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG), das sich damals – 2006ff – in einem Umbruch befand. Karin Hausen, die Gründerin und erste Leiterin des ZIFG war nicht mehr und eine neue Leitung noch nicht da. Die Professur am ZIFG wurde von Sabine_ Hark und auch von Dorothea Dornhof vertreten. Ich durfte mich damals der Übungsgruppe von Sabine_ Hark (so nannten wir das Colloquium) anschließen. In den folgenden Jahren bzw. Jahrzehnten ist dort unter anderem meine Doktorarbeit entstanden. Im Jahr 2016 wurde ich mit einer Arbeit über die Frauenbewegung im postkolonialen Frankreich und die feministische (De-)Thematisierung von Kolonialgeschichte und Rassismus promoviert. Ein Stipendium im ZtG-Graduiertenkolleg Geschlecht als Wissenskategorie hatte mir Zeit zum Nachdenken und zahlreiche Forschungsaufenthalte in Frankreich ermöglicht. Am ZIFG habe ich nicht nur promoviert, sondern auch in verschiedenen Projekten geforscht und gelehrt. Mit dem Projekt Nach Bologna. Gender Studies in der unternehmerischen Hochschule, in dem es um die Institutionalisierungsgeschichte der Gender Studies Studiengänge an Universitäten im deutschsprachigen Raum ging, habe ich mich weiter in die Wissenschafts- und Hochschulforschung hineinbegeben. Neben der feministischen Theorie und Feminismusgeschichte ist die gender- und diskriminierungskritische Wissenschafts- und Hochschulforschung zu meinem zweiten Arbeitsfeld geworden. In den letzten Jahren habe ich vor allem zu Diversitätspolitiken und Antidiskriminierungsarbeit an Hochschulen geforscht. Während der gesamten Zeit war ich immer auch hochschulpolitisch im Gleichstellungsbereich aktiv.
Ein neuer Schreibtisch am ZtG
Seit März 2026 sitze ich nun an einem neuen Schreibtisch an einem für mich vertrauten und doch auch neuen Ort. Ich kenne das ZiF/ZtG seit meinem Studium und war den Gender Studies der Humboldt-Universität über die Lehre sowie im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft der Frauen- und Geschlechterforschungseinrichtungen Berliner Hochschulen (afg) eng verbunden. Dennoch war die gemeinsame Übergangszeit im Januar und Februar, die Gabi Jähnert detailliert vorbereitet und wunderbar gestaltet hat, absolut notwendig, um an der Humboldt-Universität mit ihren Besonderheiten anzukommen, die Feinheiten von Personal- und Abrechnungsvorgängen, Stellenplänen, Gremienarbeit zu verstehen, viele Namen zu hören und zum Teil die dahintersteckenden Personen kennenzulernen – und letztlich die vielen Fäden, die Gabi in der Hand hatte, zu übernehmen. Wie beispielsweise der Aufbau eines Fachinformationsdienst/FID Gender, an dem das ZtG beteiligt ist und dessen Portal im kommenden Jahr zur Verfügung stehen wird.
Die wichtigste Aufgabe in den nächsten Jahren wird sicherlich die Gestaltung des Transformationsprozesses sein, den das ZtG gerade durchläuft und der mit dem Generationenwechsel auf vielen Professuren und weiteren wichtigen Stellen in Verbindung steht. Neben der Sicherung von Kapazitäten und Ressourcen für die Gender Studies – gerade in politisch schwierigen Zeiten – geht es hier vor allem um die gemeinsame Weiterentwicklung der interdisziplinären Zusammenarbeit in Forschung und Lehre. So steht die Überarbeitung der Studien- und Prüfungsordnung der Gender Studies-Studiengänge an, gegenwärtig denken wir intensiv über die Neugestaltung der Einführungsmodule in beiden Studiengängen nach. Die Einbindung neuer Kolleg*innen und die Entwicklung gemeinsamer Forschungsschwerpunkte und Formate transdisziplinärer Forschung setzt wiederum geeignete Infrastruktur und vor allem Orte der Begegnung und des Austausches voraus, die es zu organisieren gilt. Bei alldem werde ich vom Team der Geschäftsstelle, den Sprecher*innen des ZtG und vielen weiteren Personen ganz hervorragend unterstützt und freue mich auf die gemeinsame Arbeit am und für das ZtG.
Aline Oloff hat Gender Studies und Romanistik studiert, in den Gender Studies mit einer Arbeit zur Frauenbewegung im postkolonialen Frankreich promoviert und später ein berufsbegleitendes Master-Studium Wissenschaftsmanagement absolviert. Seit März 2026 hat sie die Geschäftsführung des ZtG der Humboldt-Universität zu Berlin übernommen.