Schwarz-Weiß-Fotografie eines Tänzers in dynamischer Pose auf einer beleuchteten Bühne, die Arme weit ausgebreitet, im Hintergrund ein klatschendes Publikum im Dunkeln

„The Ballroom tells me that I‘m somebody“ Vom NYC-Underground in den Berliner Unisaal

Pass, Pose, Performance. Von NYC nach Berlin: Eine Reise der Entstehung eigener widerständiger Räume bis zur Etablierung von Ballroom im Unisaal.

Die Ballroom-Culture ist eine Subkultur, die ihre Ursprünge in der queeren Black- und Latin-Community findet und Räume schafft, um den cis-heteropatriarchalen und rassistischen Normen der Mehrheitsgesellschaft zu entfliehen. Mit Performances und Kinship Structures üben die Ballroom-Mitglieder Kritik an dominierenden Vorstellungen von Gender, Sexualität und Familie und definieren diese innerhalb eines wettbewerbsorientierten Rahmens gleichzeitig neu. In der Dokumentation „Paris is Burning”, in der Stimmen aus der Ballroom-Szene New Yorks der 1980er Jahre festgehalten wurden, beschreibt Dorian Corey: „In a ballroom you can be anything you want. […] You’re showing the straight world that I can be an executive if I had the opportunity, I could be one because I can look like one, and that is like a fulfillment.”

Back then

Die Geburtsstunde der queeren Black Ballroom-Culture waren die 1920er Jahre in Harlem, New York. In den 1950er und -60er Jahren, in denen Drag-Balls zunehmend populär wurden, begannen weiße Communities die ursprünglichen Safe(r) Spaces zu vereinnahmen: weiße Teilnehmer*innen wurden von der (weißen) Jury favorisiert. Viele Black Drag-Artists verließen daraufhin die mehrheitlich weiß-dominierten Performance-Foren, um eigene alternative Räume zu schaffen. Der erste Black Drag Ball fand 1962 statt; das erste Ballroom Community HouseThe House of Labeija – wurde um 1970 gegründet. Seit ihren Anfängen in Harlem hat sich die Ballroom-Culture international verbreitet. Dabei sind die Ballrooms weit mehr als „nur“ Competition.

Houses: „Meine chosen family

Nach Bailey besteht Ballroom-Culture aus alternativen Familienstrukturen, Houses, die sich als soziale Gemeinschaften zusammenschließen. Sie werden von ausgewählten Mothers und Fathers geleitet, die ihre Children nicht nur bei Performances, sondern auch im Alltag unterstützen. Houses bieten darüber hinaus auch Schutz und Zuflucht, was besonders für viele Black und Latin LGBTQIA+-Personen, die oft von ihren Herkunftsfamilien oder Gemeinschaften ausgestoßen werden, essentiell ist. In der ARD-Dokumentation „A Glamorous Takeover” teilt Ablavi persönliche Erfahrungen aus der Ballroom-Community Berlins:

„Ich und auch viele andere meiner Freund*innen erleben […] viel Diskriminierung […]. Was mir Energie im Alltag gibt, das durchzustehen, ist meine chosen family. […] Weil wir darüber reden können, wir können darüber Witze machen. Darüber zu reden mit Personen, die das selber erleben, fühlt sich sehr schön an. […] Es hilft auf jeden Fall.“

Somit ist die Ballroom-Szene als kulturell und sozial konstituierter Raum ein notwendiger Safe(r) Space, sowie eine lebenswichtige soziale Vernetzung für marginalisierte LGBTQIA+-Personen.

Underground als safe(r) space

Ob in Casting-Shows, Musikvideos, oder in der Sprache – viele Elemente, die aus der Ballroom-Culture stammen, sind heute Teil der Popkultur, ohne, dass dieser Ursprung gewürdigt wird. Dadurch geht der eigentliche Kern des Ballrooms verloren: „Ballroom basiert darauf, dass es Underground ist. […] Durch das Mainstreaming […] passiert das sehr leicht, dass die Essenz von Ballroom einfach weggewaschen wird und nur noch aussieht wie competitive Balls. Und dann vergisst man, dass es wirklich eine Community ist“, betont Jade als Teil der Berliner Ballroom-Community gegenüber der ARD.

Nicht nur wird dieser Community-Aspekt verwaschen und sogar gefährdet – auch geht verloren, dass Ballroom aus der Working-Class stammt. „The Ballroom tells me that I’m somebody…“, beschreibt es eine Person in Paris is Burning. Die Balls erlauben für einen Moment ein Gefühl von Teilhabe und Selbstwirksamkeit zu kreieren, das außerhalb verwehrt bleibt: „…but when the Ballroom is over, you come home and you have to convince yourself that you are somebody.“

Slay, Iconic, Cunt – vom Mainstream verwaschen

Wenn Madonna, eine weiße, weltweit erfolgreiche Popsängerin, über Ballroom und Voguing singt;

 

It makes no difference if you’re black or white

If you’re a boy or a girl

wenn weiße Menschen Ausdrücke wie slay, iconic, cunt, you ate oder chopped übernehmen, ohne deren Ursprünge zu würdigen, wird Ballroom seiner sozialen und politischen Dimension beraubt. Was bleibt, ist die ästhetische Oberfläche aus Glamour und Posen, während der Working-Class-Hintergrund, die Widerständigkeit und Bedeutung der queeren Black- und Latin-Community verschwindet: „Ballroom hat so viel Popkultur geschenkt, aber wir haben nichts zurückgekriegt“, bringt es David Dave gegenüber der ARD auf den Punkt.

Dass Ballroom durch Popkultur (z.B. Paris Is Burning oder Pose) einem breiteren Publikum zugänglich wurde, bedeutete mehr öffentliches Interesse und damit womöglich auch finanzielle Mittel, so David Dave weiter. Doch Ballroom hat den Mainstream nie gebraucht, im Gegenteil: „[Ballroom] war für uns – made by us, for us.“

Denim on Denim Ball: One, two, three and the pose will be!

Ballons, Beats, bold Denim Fits und der Raum des Studierendenwerks Berlins verwandelt sich zum Denim on Denim Ball:

Im Februar 2026 veranstalten German Mother Mandhla Laveaux und German Leader Amowia Unbothered Cartier zusammen mit dem Studierendenwerk Berlin den Denim on Denim Practice Ball. Dieser bietet den Absolvent*innen des Ballroom-Kurses die Möglichkeit, live zu performen.

Blaues Scheinwerferlicht flutet den Runway, lässt die Gesichter im Publikum zu einer Masse verschwimmen. Schnelle House Beats legen sich über das Publikum – ein kollektives Innehalten: Unter tosendem Applaus betreten German Mother Mandhla und MC Nadège Unbothered Cartier den Runway und der Ball ist eröffnet. Die Bedeutung von Ballroom und die Wichtigkeit von Räumen für queere Personen und People of Color an Universitäten werden betont. Beim Legends-Stars-Statements wird die Jury vorgestellt, die sich am Ende des Runways einfindet – hinter ihr tummeln sich die Houses mit den bekannten Gesichtern der Berliner Ballroom-Szene. Die Mitstreiter*innen serven Face, präsentieren ihre Luscious Bodies und zeigen sich als Sex Sirens. Do you think you can eat them up?! Diese und weitere Categories machen die Battle-Culture des Ballroom aus: Die Gewinner*in zeigt sich in der Final Pose: One, two, three, and the pose will be!

Die wenigen Safe(r) Spaces für queere Personen und People of Color an Universitäten sind konstant bedroht, in weiß-dominierten, akademisch-elitären Räumen wegzufallen. Gerade deshalb wird eingefordert, zu reflektieren, was es bedeutet, Ally zu sein: Da zu sein, zuzuhören, sich des Raumes und seinen Ursprüngen bewusst zu sein, und das bare minimum

Den ganzen Abend zu klatschen: Put your hands together! Put your hands together!

 

 

Malin Bokel (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 an der Humboldt-Universität zu Berlin den Master Gender Studies. Ihren Bachelor hat sie in Medien- und Kommunikationswissenschaften und Soziologie absolviert. Ihre Interessensgebiete liegen derzeit vor allem in der Analyse antifeministischer Backlash-Dynamiken, antifeministischer Mobilisierung sowie von Gewalt gegen FLINTA*-Personen aus intersektionaler Perspektive.

Luzie Fuhrmann (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 25/26 Gender Studies im Master. Ihren Bachelor in Europäischer Ethnologie und Medienwissenschaften schloss sie mit einer Arbeit zu Genderdarstellungen in Videospielen ab. Ihre Schwerpunkte liegen auf Gender- und Queer-Repräsentationen in Medien und Popkultur, aktuellen Genderdiskursen, darunter antifeministische Strömungen, sowie Fragen von Sichtbarkeit, Räumen und Teilhabe.

Malin Voß (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 25/26 Gender Studies im Master an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihren Zweifach-Bachelor in Philosophie und Kultur- und Sozialanthropologie hat sie an der Universität Münster absolviert. Ihre Bachelorarbeit hat sie über den epistemischen Wert des Intersektionalitätskonzepts geschrieben und fand dort unter anderem ihren Weg zu den Gender Studies. Ihre gegenwärtigen Interessen liegen besonders in feministischer Philosophie, Antifeminismus in digitalen Räumen und Gewalt gegen FLINTA*-Personen.

Leo Ames (keine Pronomen) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 den Master in Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor hat Leo deren Bachelor in Rehabilitationspädagogik absolviert. In der Bachelorarbeit hat Leo die Verwobenheit von Behinderung und Geschlecht aus einer sozialkonstruktivistischen und intersektionalen Perspektive analysiert. Leos Interessen liegen in der Intersektionalitätsforschung, vor allem mit Fokus auf die Queer-, Trans*-, Disability-, und Decolonial Studies sowie Wissenschaftskritik.