Es ist sechs Monate nach dem 12-Tage-Krieg der USA und Israel im Iran und zwei vor dem erneuten Kriegsanfang im Februar 2026. Zwei Wochen dauert es, bis der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz die Massenproteste im Iran anspricht, die am 28. Dezember 2025 auflodern, und vom Islamischen Regime brutal und tödlich niedergeschlagen werden. Zwei Wochen, in denen ich wieder mehr als sonst die Nachrichten schaue, obsessiv im Internet-Feed scrolle, zwischen Nachrichten über Iran, Syrien, und Gaza wechsele; zwei Wochen, in denen ich auf irgendeine Reaktion der deutschen Bundesregierung warte, hoffe, bange. Zwei Wochen, in denen ich täglich Leichen im Internet sehe, Leichen von Menschen, die aussehen wie ich, die in dem Land leben, aus dem meine Familie fliehen musste. Mein Alltag verliert jegliche Normalität, erneut. Nicht nur die Bundesregierung, sondern auch mein Umfeld schweigt. Mir fällt es schwer, von mir aus etwas zu sagen. Wie kann ich diesen Schmerz einer deutschen Mehrheitsgesellschaft vermitteln? Nur mit meiner Familie und anderen Iraner*innen spreche ich. Dann schreiben mir zwei weiße Freundinnen auf WhatsApp doch eine Nachricht, dass sie mit mir fühlen würden, ‚in diesen Zeiten‘.
Diasporische Erinnerungen an koloniale Kontinuitäten
‚Diese Zeiten‘, denke ich, existieren doch mindestens seit 1953. Das Jahr, das den britisch und amerikanisch initiierten kolonialen Putsch (persisch: Bistohasht-e Mordad) markiert, der die Monarchie im Iran als Instanz mit westlichen Interessen wiedereinsetzte. Die Diaspora dieses Putsches ist zwei Generationen älter als ich und ein Teil dieser Generation ist Maryam Aras’ Vater, Kamal Aras. Wie Maryam Aras in ihrem Buch Dinosaurierkind (2025) schreibt, erfahren er und seine Familie die unmittelbaren Auswirkungen dieses kolonialen Verbrechens. Sie zeigen sich vor allem durch Klassismus und die extreme Armut, die seine und viele andere Familien im Iran zu dieser Zeit durchstehen müssen. Im Gespräch mit Nacim Ghanbari, Professorin für Germanistik, deutsche Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Siegen, wo sie u.a. über die iranische „Jin, Jiyad, Azadi“-Bewegung veröffentlicht, und Elahe Haschemi Yekani, Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Fokus der Postcolonial und Queer Studies, stellt Maryam Aras Dinosaurierkind im Eventraum des Diffrakt vor. Die Veranstaltung findet im Rahmen des von Haschemi Yekani betreutem Forschungsprojekts „Tales of the Diasporic Ordinary“ statt.
Maryam Aras ist Autorin wie auch Übersetzerin für persische Lyrik und Prosa und studierte Islamwissenschaft, Anglistik und Politologie an den Universitäten Bonn und Köln. Ihr Buch Dinosaurierkind, teils die Geschichte ihres Vaters, teils Autobiographie und essayistische Einordnung deutsch-iranischer Verflechtung, wurde mit dem Kurt-Tucholsky Preis und dem Gustav-Regler-Förderpreis ausgezeichnet.
Gegen das Vergessen schreiben
Am Anfang des Events wird nicht gesprochen, sondern ein Ausschnitt des Dokumentationsfilm „Der Polizeistaatsbesuch“ von Romer Brodman gezeigt. Es geht um den Staatsbesuch des Schahs in Berlin im Juli 1967. Der Ausschnitt zeigt ein Konvent der Freien Universität Berlin, die gegen den Besuch protestiert, sowie zur Solidarität mit persischen Studenten auffordert. Kurz sehen wir Maryam Aras’ Vater, er blickt in die Kamera und hält sich schnell die Hand vor die Augen. Es ist der Moment, der Aras dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben, wie sie später erzählt.
Es geht es um Maryam Aras’ eigene Geschichte, ihr Studium, die zeitgenössische iranische Diaspora in Köln und die Erzählform des Buches. Sie schreibt es in einer Konversation mit ihrem Vater: Es wird von seinen Kommentaren über Maryams Aras’ Text in kursivgedruckter Schrift durchzogen. Als Kamal Aras nach Köln kam, wurde er Mitglied der Konföderation Iranischer Studenten – Nationalunion (CISNU). Die CISNU waren ein fundamentaler Teil der deutschen 68er-Bewegung. Maryam Aras sagt dazu: „Das Wissen ist da, aber es weiß nur niemand, dass die Konföderation, CISNU, existierte. Jedenfalls nicht in einem deutschen öffentlichen Narrativ.“ Doch, wie sie in ihrem Buch schreibt, war die Konföderation „nicht nur die einzig transnational arbeitende Organisation, die gegen das Schah-Regime aktiv war, sie war in den 1960er-Jahren überhaupt die einzig existente“ (S. 101). Im Gespräch wird klar: Die Geschichte der CISNU ist eine, die nie historisiert wurde, da diejenigen, die sie prägten, nie zu ‚Siegern‘ wurden. Ein Grand Narrative der CISNU gibt es nicht, genauso wenig eins der ganzen iranischen Diaspora in Deutschland. Diese ist politisch sehr divers, unglaublich komplex und gerade mit Blick auf die Schah-Monarchie überhaupt nicht geeint. Dabei gibt es verschiedenste linke sowie auch islamistisch-geprägte Gruppierungen mit sehr unterschiedlichen Zielen. Die Komplexität dieser politischen iranischen Gruppierungen, die u.a. auch dem westlichen Rechtsruck ausgesetzt ist (s. MIGA – Make Iran Great Again), kann in diesem Rahmen nicht so einfach abgehandelt werden. Sie ist jedoch, genauso wie der Bistohashte-Mordad, Geschichte, die im Westen nie gelehrt wurde. Maryam Aras fragt sich im Gespräch, ob Literatur daran nachhaltig etwas ändern kann, ob ein Zurückschreiben in die Geschichte möglich sei. Ich denke, dass allein das Stellen dieser Frage genau so eine Gegenbewegung bewirkt, eine Bewegung für ein Erinnern.
Zwischen Erschöpfung und Erinnerung das Schweigen brechen
Dann stellt sich doch diese Frage bei ihr selbst und auch bei Haschemi Yekani und Ghanbari: Für wen schreibt man denn? Und es stimmt: Zum Teil schreibt migrantische Literaturproduktion für ein Publikum, das uns nicht verstehen wird. Das Unwissen und das Schweigen der deutschen weißen Mehrheitsgesellschaft (und der Bundesregierung) ist dabei im Gespräch allseits präsent. Im Austausch mit dem Publikum überlegen wir gemeinsam: Es braucht mehr Wissen in der deutschen Gesellschaft über die iranischen Geschichten, über CISNU, über eine Schah-Opposition und westliche Kolonialgeschichte, um nachhaltige Veränderung zu bringen und ein weißes Schweigen zu brechen.
Aus dem Gespräch entsteht Neues, Elektrisierendes. Aus der Geschichte von Maryam Aras’ Vater und ihrer politischen Aktivität zu Iran ziehen wir Kraft. Gleichzeitig verbindet uns eine gemeinsame Erschöpfung. Im Gespräch und in Aras’ Buch wird deutlich, dass die iranische Diaspora konstant dabei ist, sich erklären zu müssen – was auch meine Erfahrung bestätigt. Aras sagt, sie sei es mittlerweile gewohnt, ihre eigene Realität zu erklären. Dem internalisierten weißen Blick von außen auf sich selbst, der bei allem präsent ist. Doch sie möchte sich nicht mehr erklären. Auch Haschemi Yekani und Ghanbari, als aus dem Publikum die Frage zur jetzigen politischen Lage kommt, sagen, dass die iranische Diaspora und die persönlichen, emotionalen Auswirkungen des Krieges und der Demonstrationen gezeichnet sind von Schmerz und dieser Erschöpfung. Als wir auf die Monarchisten, die Schah-Anhänger, zu sprechen kommen, entwickelt sich im Gespräch der Konsensus einer Nostalgie über eine Zeit vor der islamischen Republik, die auch aktuelle politische Begehren prägt. Nostalgisch wird dabei die Protestgeschichte und das daraus resultierende Exil der Generation von Kamal Aras vergessen. Durch Maryam Aras’ Buch und die daran anschließenden Gespräche wird Vergangenheit aufgearbeitet. Die Vergangenheit einer iranischen Diaspora mit langer Geschichte, die eng mit deutscher und westlicher Kolonialgeschichte verwickelt ist.
Was ich zum Abschluss denke, ist, dass die Mehrheitsgesellschaft ihr Schweigen, ihre Schuldangst, brechen muss. So wie wir es heute getan haben. Kamal Aras gab sein Archiv dem International Institute of Social History in Amsterdam, wo es zum Teil bereits öffentlich zugänglich ist. Seine Tochter Maryam Aras sowie er selbst bewirken kontinuierlich ein Aufbrechen und Bekanntmachung der Geschichte von Menschen, die immer wieder eine Zukunft verloren haben, aber diese trotz allem nie aufgeben werden.
Leyli Mussawisade ist Studentin und studentische Hilfskraft am Institut für Anglistik und Amerikanistik bei Prof. Dr. Mark Schmitt an der Humboldt-Universität zu Berlin. Leyli hat einen Bachelor in Anglistik und Gender Studies und studiert jetzt im Masterstudiengang „Englische Literaturen“. Die Forschungsinteressen sind besonders im Bereich der Postcolonial, Queer und Gothic Studies, wobei in diesen am meisten Migrations- und Grenzennarrative behandelt wird.