Das Bild zeigt den Schreibtisch von Mirjam Müller

#MeinSchreibtisch: Mirjam Müller

Ich bin seit Oktober 2020 Juniorprofessorin für Feministische Philosophie am Institut für Philosophie und seit Beginn des Jahres außerdem Mitglied am ZtG. Mein Schreibtisch steht aktuell noch in meinem Wohnzimmer, wird aber ab Oktober graduell in mein Büro ins Hauptgebäude der HU umziehen. Gerade beherbergt er verschiedene Bücher, meine gegenwärtige Lieblings-Kaffeetasse und eine To-do Liste, die eher länger als kürzer wird. Mein Schreibtisch ist aktuell Schauplatz von zwei Forschungsprojekten: einer feministischen Kritik von globalen Lieferketten und einem Projekt zu Care-Arbeit.

Feministische Perspektiven auf globale Lieferketten

Zurzeit wird mein Schreibtisch von Büchern und Artikeln zu Theorien struktureller Ungerechtigkeit, feministischer Kapitalismuskritik, Theorien zu Racial Capitalism und empirischen Studien zu globalen Lieferketten dominiert. Ich arbeite aktuell an einem Buchprojekt, genauer gesagt, an einer feministischen Kritik an Ausbeutungs- und Enteignungsprozessen in globalen Lieferketten mit einem spezifischen Fokus auf die Textilindustrie. Dabei beschäftigen mich vor allem folgende Fragen: Inwiefern können die Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie, welche sich insbesondere durch niedrige Löhne, gesundheitliche Risiken, Überstunden und prekäre Arbeitsverträge auszeichnen, als Ausbeutungsbeziehungen verstanden werden? Welche Rolle spielen Prozesse der Enteignung in diesen Arbeitsverhältnissen? Und welche normativen Fragen werden dadurch aufgeworfen? Die Kernthese des Buches ist, dass Arbeitsverhältnisse in der globalen Textilindustrie durch Ausbeutungs- und Enteignungsprozesse charakterisiert werden, welche strukturell verankert sind und mit Prozessen der Rassifizierung und Vergeschlechtlichung einhergehen. Ein besonderes Augenmerk lege ich in diesem Buch außerdem auf globale Verstrickungen von verschiedenen Akteur:innen, wie etwa Konsument:innen oder wohlhabenderen Arbeiter:innen im Westen, und die Möglichkeiten für Solidarität und Widerstand, die sich aus diesen Verstrickungen ergeben.

Care-Arbeit und neuere Arbeitsformen im Kapitalismus

Die Dominanz des Buchprojektes zu globalen Lieferketten auf meinem Schreibtisch ist, auch aufgrund der immer schneller näherkommenden Deadline zur Fertigstellung des Buches, aktuell nur schwer zu brechen. Dennoch öffnen sich hier und da kleinere Räume für Überlegungen zu meinem nächsten Forschungsprojekt zu Care- und Fürsorgearbeit im Kapitalismus. Dieses Forschungsprojekt startet mit der beinahe schon „alten“ Beobachtung von Feminist:innen und Critical Race Theoretiker:innen, dass die Organisation von Care- und Fürsorgearbeit in einer fortlaufenden Krise steckt. Die Übernahme von Care- und Fürsorgearbeit ist nach wie vor insbesondere entlang von Gender und Race ungleich verteilt und Care-Tätigkeiten werden in kapitalistischen Wirtschaftssystemen naturalisiert und gesellschaftlich abgewertet. Insbesondere aktuelle Entwicklungen in der Organisation kapitalistischer Arbeitsbeziehungen, wie die Automatisierung von Care-Prozessen oder die Organisation von Care-Arbeit über Care-Plattformen, werfen neue Fragen bezüglich einer gerechten Organisation von Care-Arbeit auf. Aus philosophischer Sicht stellen sich hier verschiedene Fragen: Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir über Care oder Fürsorge sprechen? Inwiefern ist die Bedeutung von Care oder Fürsorge abhängig von den jeweiligen Beziehungen, in denen sie geleistet wird (und damit auch veränderlich je nach Arbeitsverhältnis)? Welche normativen Fragen ergeben sich aus neuen Organisationsformen von Care-Arbeit im Markt, wie etwa Care-Plattformen? Diesen Fragen möchte ich mich gerne im Rahmen eines DFG-Forschungsprojektes widmen. Deshalb werde ich, sobald mein Buchprojekt abgeschlossen ist (fingers crossed!), hierzu einen Antrag schreiben, um mich für dieses Projekt um Forschungsmittel zu bewerben.

Ausblick

Auch wenn meine Forschungsprojekte den Raum meines Schreibtisches aktuell noch voll ausschöpfen, freue ich mich bereits darauf, wenn dieser Raum in den kommenden Wochen wieder mit der Lehre geteilt wird. Im Wintersemester werde ich ein Seminar zu dem neuen Buch der feministischen Philosophin Serene Khader „Decolonizing Universalism: A Transnational Feminist Ethics“ unterrichten. Basierend auf diesem Buch werden wir im Seminar der Frage nachgehen, ob und inwiefern eine transnationale feministische Ethik universelle Standards für Kritik an sexistischer Unterdrückung formulieren, und dabei dennoch anti-imperialistisch sein kann. Ich werde außerdem im Februar ein Blockseminar zu Philosophy of Sex geben, auf das eine thematisch daran ausgerichtete Studierendenkonferenz folgen wird. Mein Schreibtisch wird dann also wieder ein Ort des Zoomens und des Austausches sein – auch wenn ich mich unheimlich darauf freue, diesen Austausch (zumindest teilweise) wieder von meinem Schreibtisch in den Seminarraum zu verlegen.

 

Mirjam Müller ist seit Oktober 2020 Juniorprofessorin für Feministische Philosophie am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

In unserem Format #MeinSchreibtisch – zu finden unter der Kategorie Personen – geben Mitarbeiter*innen, Mitglieder und Absolvent*innen des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien einen Einblick in ihr Arbeitsumfeld sowie ihre aktuellen Projekte und Aufgaben.

 

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