Buchrücken in Reihe vor gelbem Hintergrund, von oben fotografiert. Verschiedene Farben und Formate, sichtbare Schnitte.

Von Queer Necropolitics und Gegenarchiven: Queer of Colour Critique als Analyseperspektive in den Gender Studies  

Was bleibt unsichtbar, wenn Queerness, race und politische Ökonomie isoliert voneinander anstatt gemeinsam gedacht werden? Und was geht verloren, wenn genau diese Verflechtungen in historischen Narrativen, Theoriebildung und Erinnerungskultur ausgeblendet werden?

Queer of Colour Critique

An genau dieser Leerstelle setzt Queer of Colour Critique (QCC) an: Nicht als bloße Erweiterung bestehender theoretischer Ansätze, sondern als Intervention ihrer Leerstellen. QCC entstand als Reaktion auf Rassismus und Neoliberalisierung in den USA der 1990er Jahre. Der Ansatz wurde maßgeblich von Roderick Ferguson in seinem 2004 erschienenen Buch Aberrations in Black: Toward a Queer of Colour Critique geprägt. Ferguson kritisiert mit QCC die Trennlinien zwischen queer-theoretischen, marxistischen und weiteren Analyseperspektiven und plädiert dafür, Queerness immer in ihren Verflechtungen mit race und politischer Ökonomie zu verstehen.

QCC versteht sich als eine Auseinandersetzung mit und Erweiterung von feministischen und marxistischen Ansätzen, ethnic studies, queer studies und postcolonial studies. Dabei sind neben Fergusons Buch – um nur einige zu nennen – Texte von Fatma El-Tayeb, Gayatri Gopinath, José Esteban Muñoz, Norma Alarcón, Eve Sedgwick und Audre Lorde zentral. Im Rahmen des Tutoriums „Queer of Colour Critique in den Gender Studies” näherten wir Studierenden des Masters Gender Studies uns dem Konzept unter Beleuchtung verschiedener Beispiele wie queerer Diaspora, queerer Schwarzer Bewegungsgeschichte und Ballroom Kultur an.

Im Zentrum stand die Frage, wie sich mit QCC sowohl dominante Wissensordnungen als auch konkrete soziale Verhältnisse neu lesen lassen. Im Folgenden greifen wir diese Frage in zwei thematischen Feldern auf: Erstens zeigen wir anhand von queeren Gegenarchiven, wie alternative Formen von Erinnerung gegen hegemoniale Wissensordnungen entstehen. Zweitens befassen wir uns mit Queer Necropolitics und diskutieren, wie eng Fragen von Leben, Sterben und staatlicher Gewalt mit rassifizierten und sexualisierten Machtverhältnissen verknüpft sind. Beide Beispiele lassen sich als konkrete Anwendungen von QCC verstehen – als Perspektiven, die die Verschränkung von Kultur, Ökonomie und Macht in den analytischen Fokus rücken wollen.

Gegenarchive gegen historische Verdrängung: Zur Sichtbarmachung queerer Perspektiven

Roderick Ferguson legt die theoretische Grundlage für die Praxis der queeren Konterarchivierung, wie sie Gayatri Gopinath in ihrem Buch Unruly Vision. The Aesthetic Practices of Queer Diaspora beschreibt. Konterarchivierung stellt alternative Verbindungen zwischen Regionen, Zeiten und Körpern her und grenzt sich somit von westlichen und cis-heteronormativen Archivpraktiken ab. Dabei sind ein intersektionaler Standpunkt und eine Kritik an der kolonial geprägten Moderne zentral. Traditionelle Archive blenden marginalisierte oder nichtnormative Formen von Identität, Sexualität und Körperlichkeit meist aus. Gopinath zeigt auf, wie künstlerischen Praktiken wie Malerei, Literatur oder Fotografie das Potential haben, kleine verlorenen und alltägliche Formen des Widerstands aufzubewahren und dadurch Momente und Menschen der queeren Diaspora in die Geschichte einzuschreiben.

Auch Jin Haritaworn thematisiert in „Wir dachten wir wären die Ersten: Queer of Color Küchentische und Abolitionistische Gegen-Archive“ die Erinnerung an Queer Elders und die Praxis der Konterarchivierung aus persönlicher Perspektive. Haritaworn erzählt vom eigenen Aufwachsen als queere PoC in Deutschland während der 1980er und 1990er Jahre und dem Prozess, sichere Räume für trans* BIPoC innerhalb einer weiß dominierten queeren Community zu erschaffen. Queere Konterarchive entstehen nicht nur in wissenschaftlichen Kontexten, sondern aus der Community und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Als Teil dieser Praxis versteht Haritaworn auch das kritische Hinterfragen von Vorfahr*innen, die selbst nicht frei von ihrem historischen Kontext sind.

In der kritischen Auseinandersetzung mit queeren Vorfahr*innen haben wir gelernt über die Grenzen westlich geprägter cis-heteronormativer Archive hinauszuschauen und nach alternativen Vorfahr*innen zu suchen; eine Arbeit, die zwar Kraft und Motivation erfordert, aber auch Spaß macht. Haritaworn erzählt aus einem Gespräch mit Alvis Choi: „Wir alle sind zukünftige Vorfahr*innen. Ich muss nicht warten, bis du stirbst, bevor ich dich würdevoll und wertschätzend behandle.“ Inspiration findet sich in denjenigen, die bereit sind, an queeren Communities und Praktiken der Konterarchiverung zu arbeiten.

Queer Necropolitics: Auswirkungen von Politik auf Leben und Sterben

Eine weitere Perspektive aus dem Tutorium zu QCC war das Thema Queer Necropolitics. Aufbauend auf Che Gossetts Text „We will not rest in peace“ beschäftigten uns Themen wie Aids-Phobia, der Prison Industrial Complex, die Kriminalisierung von HIV, Massenfestnahmen von HIV-positiven Menschen, sowie der Widerstand gegen queer- und transfeindliche Gewalt. In der bewegten Diskussion tauschten wir uns über die schwerwiegenden Ungerechtigkeiten aus, die queeren BIPoC-Communities in Verbindung mit der Aids-Epidemie zugefügt wurden.

Im Zuge einer schlechten Gesundheitspolitik in den 1990er kam es, statt zur Aufklärung und Prävention, zur Kriminalisierung von HIV-Positiven, woraus folgte, dass bestimmte marginalisierte Personengruppen wie queere Schwarze Menschen besonders stigmatisiert wurden. Daraus resultierte, dass manche Personen sich nicht mehr testen ließen, um Verhaftungen zu vermeiden. Teilweise wurden ins Feindbild passende Menschen, vor allem schwule Männer of Color, auch ohne jeglichen Beweis verhaftet.

Ein von uns vieldiskutiertes Beispiel dafür, wie Falschinformationen über Ansteckungswege und Stigmatisierung von bestimmten Personengruppen zu deren Kriminalisierung führten, ist der Fall Gregory Smiths, einem in den 1980ern inhaftierten HIV-positiven Aids-Aktivisten. Ihm wurde vorgeworfen, einen Gefängniswärter gebissen und ihn so mit HIV infiziert zu haben, wofür er eine Höchststrafe von 25 Jahren u.a. für versuchten Mord bekam. Seine Verurteilung wurde begleitet von zahlreichen Protesten, darunter die Bewegung ACT UP, die durch direkte Aktionen, Aufklärungsarbeit und politische Einflussnahme Aufmerksamkeit auf das Thema HIV/Aids lenkten.

QCC als Intervention von Leerstellen in den Gender Studies

Während Gegenarchive also verdrängte Geschichten und widerständige Praxen queerer BIPoC-Communities bewahren und neu einschreiben, legt die Analyse von Necropolitics offen, wie die Entscheidungen darüber, wessen Leben als schützenswert gilt, politisch instrumentalisiert werden. Somit denkt QCC marginalisierte Erfahrungen nicht nur mit, sondern rückt sie ins Zentrum von Analyse, Erinnerung und politischem Handeln. Für uns hat sich damit im Rahmen des Tutoriums nicht nur ein neuer theoretischer Ansatz, sondern eine notwendige Perspektive erschlossen, die die Verflechtungen von Queerness, race und politischer Ökonomie sichtbar macht und bestehende Wissensordnungen kritisch hinterfragt.

Literaturverzeichnis

Ferguson, R. A. (2004). Aberrations in black: Toward a queer of color critique. University of Minnesota Press.

 

Merle Lüking (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 im Master Gender Studies an der HU Berlin und studierte zuvor Geographie und Sozialanthropologie an der Universität Münster. Zu ihren akademischen Interessen gehören feministische Naturverhältnisse und Perspektiven auf Sorge und Reproduktion im Kontext der Polykrise. 

Gesine Pfautsch (sie/keine) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 im Master Gender Studies an der HU Berlin und hat zuvor Spanische Philologie, Politikwissenschaft sowie Soziale Arbeit studiert. Ihre Interessen liegen u.a. bei Diskriminierungskritiken, Rechtsextremismus(prävention) und Kritischer Männlichkeitsforschung. 

Annika Schulz (sie/ihr) studiert seit dem Wintersemester 2025/26 im Master Gender Studies und hat zuvor einen Bachelor in Philosophie abgeschlossen. In ihrem Studium beschäftigt sie sich insbesondere mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, Körperpolitiken und deren gesellschaftlichen Dimensionen.

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