Noch bis 7. Juni 2026 ist im Museum für Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt die Ausstellung „Fremde Freunde – Völkerfreundschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit“ zu sehen. Mitbeteiligt ist Kathleen Heft, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin (ZtG/UB HU Berlin). Sie koordiniert am Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie das DFG-geförderte Projekt „EthnOA – Open Access in den ethnologischen Fächern“ und forschte zu vergeschlechtlichten Mediendiskursen über Ost- und Westdeutschland, Migration in die DDR sowie Migrant*innen und Ostdeutschen in bundesdeutschen Eliten. Für die Ausstellung hat sie ihre Expertise in die konzeptionelle Vorbereitung eingebracht.
Worum geht es in der Ausstellung Fremde Freunde, die noch bis zum 7. Juni im Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt gezeigt wird?
Die Ausstellung „Fremde Freunde – Völkerfreundschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit“ beschäftigt sich damit, wie Migration in die DDR und die Ideologien der Völkerfreundschaft und internationalen Solidarität zwischen sozialistischen und de-/kolonisierten Ländern die DDR-Alltagskultur, ihre Gegenstände und Diskurse geprägt haben. Das Museum Utopie und Alltag baut auf einer riesigen Sammlung von alltagskulturellen Objekten der DDR auf, die dem Museum vorwiegend von Privatpersonen übergeben wurden; darunter Bücher und Schallplatten, Spielzeug und Kleidung, Küchengeräte und explizit politische Objekte, wie Wandzeitungen, Fahnen und Plakate. Einige dieser Objekte zeugen von internationalen Beziehungen, von Begegnungen mit Migrant*innen, von politischen Kampagnen wie der Solidaritätskampagne für Angela Davis sowie von der Sehnsucht nach Konsum- und Kulturgütern aus Ländern des Globalen Südens. Manche Objekte zeugen von der Ambivalenz, die im Titel der Ausstellung – Fremde Freunde – aufgerufen wird: Exotisierende und rassistische Realitäten waren eng verkoppelt mit Identifikation und Sehnsucht. Ein Teil der Ausstellung setzt die DDR-Geschichte von Migration und Völkerfreundschaft in Bezug zur Gegenwart und der zentralen Erstaufnahme- und Abschiebeeinrichtung in Eisenhüttenstadt.
Was war deine Rolle in der Vorbereitung der Ausstellung? In welcher Form/ wie warst du an der Vorbereitung der Ausstellung beteiligt?
Ich habe mich bereits im Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) für die (Arbeits-)Migration in die DDR interessiert und tausche mich seitdem mit Wissenschaftler*innen und im Rahmen von Projekten zum Themenfeld Migration und Rassismus in der DDR aus. Seit 2018 bin ich Teil eines informellen interdisziplinären Arbeitskreises zu West-Ostdeutschland-Themen, der sich am Institut für Europäische Ethnologie der HU zusammenfindet. Im Arbeitskreis gibt es beachtliche interdisziplinäre Expertise zur DDR, zu Migration und Rassismus sowie zu Geschlechterfragen. Eine*r der Kurator*innen der Ausstellung, friz Trzeciak, ist Teil unseres Arbeitskreises und hat uns eingeladen, mit unseren Perspektiven zur Ausstellung beizutragen. Wir hatten die wunderbare Gelegenheit, das Depot des Museums zu besuchen und Gegenstände aus den Regalen zu ziehen, die wir dann gemeinsam einen Nachmittag lang besprochen haben. Dabei ging es auch darum, mit welchen Frageperspektiven wir diesen Objekten begegnen können und wie wir den Postulaten der Völkerfreundschaft und Solidarität mit der notwendigen Kritik und zugleich verstehend und anerkennend entgegentreten können. Tatsächlich haben es einige der von uns diskutierten Objekte in die Ausstellung geschafft.
Welches ist dein Lieblingsobjekt? Welche Geschichte erzählt dein Lieblingsobjekt?
Viele Objekte laden zum Nachdenken und zur Selbstreflexion ein, was ich gut finde. Ich habe selbst ein Buch zur Ausstellung beigesteuert, das für mich die Vielschichtigkeit hegemonialer Perspektiven auf Migration in die DDR aufzeigt. Es ist das Aufklärungsbuch „Denkst du schon an Liebe?“, ein Standardwerk, das auch in meinem Bücherregal stand. Darin gibt es zwei Kapitel zur „Freundschaft“ und zur „Ehe mit Ausländern“. Diese Kapitel sind unglaublich ambivalent in ihren Botschaften. Sie zeugen einerseits davon, dass Menschen in der DDR mit Migrant*innen Beziehungen eingegangen sind und mitunter auch geheiratet und Familien gegründet haben. Mit dieser Realität wird hier explizit und durchaus anerkennend umgegangen. Andererseits wird darin ein paternalistischer, latent rassistischer und antimuslimischer Ton angeschlagen. Die Kapitel richten sich an junge Frauen, die implizit als weiß, heterosexuell und christlich vorgestellt und dazu angehalten werden, ihre Freundschaften und Beziehungen zu ‚Ausländern‘ mit Blick auf vermeintliche kulturelle Differenzen zu überdenken.
Warum lohnt sich ein Ausflug nach Eisenhüttenstadt und zur Ausstellung? Was macht die Ausstellung besonders?
Was die Ausstellung besonders macht, ist ihre Arbeit mit ganz konkreten Alltagsgegenständen. Diese Materialität von Migration, von Gütern aus Ländern des Globalen Südens und des internationalistischen Diskurses erlaubt andere Zugänge als beispielsweise das rein kognitive Wissen über historische Daten, offizielle Verlautbarungen und Abkommen. Zudem ist Eisenhüttenstadt als sozialistische Planstadt selbst einen Besuch wert.
Die „Fremde Freunde – Völkerfreundschaft zwischen Ideal und Wirklichkeit“ findet vom 26. April 2025 bis 7. Juni 2026 im Museum für Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt statt.