Das Bild zeigt einen geöffneten Fächer aus Karten, wobei jede Karte für eine Lerneinheit und Lehrunterstützung des Projektes GeMINTdidakt steht und einen Link als QR-Code zu diesen bereitstellt.

Es ist doch schon alles da! Gender in MINT & More

Was hat Gender mit Biologie, Chemie, Mathematik, Informatik oder Physik zu tun? Antworten darauf gaben wir am 18. Dezember 2025 beim Wissenschaftstag #4Gender Studies mit unseren Lehrunterstützungen aus Gendering MINT didaktisch-digital bei einem Lunch Talk im „Netzwerk Gute Lehre“ in Kooperation mit dem bologna.lab der HU Berlin.

Da ist was für Studierende: Gendering MINT digital

Im Zentrum unserer Projekte steht das zunächst durch das bmbf 2017-2020 unter dem gleichen Projekttitel geförderte Portal Gendering MINT digital. Es stellt frei zugängliche, digitalisierte Lernmaterialen (Open Educational Resources, OER) zur Verfügung. Nach dem Prinzip des inverted classroom können Studierende selbständig Lerneinheiten und Kapitel zu fachübergreifenden (Gender-Grundlagen, Gleichstellung in MINT und Gender in Technoscientific Literacy) sowie fachspezifischen Themen in Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik bearbeiten und dann in Lehrveranstaltungen weiter diskutieren. Der Fundus für Genderreflexionen für MINT-Studierende und zu MINT-Bezügen für Gender Studierende wird inzwischen breit genutzt. Entwickelt, erprobt und finalisiert wurden die OER in enger Kooperation mit Lehrenden in den MINT-Fächern. Orientierungshilfen bieten Übersichten zu den interaktiven Formaten in unseren Lerneinheiten und themenspezifische Literatursammlungen.

Jetzt ist da auch was für Lehrende: Gendering MINT didaktisch-digital

Schon in der Entwicklung wurden von Lehrenden weitere Bedarfe nach didaktischer Unterstützung und eigener Wissensvertiefung geäußert. Hier setzte das Folgeprojekt Gendering MINT didaktisch-digital an, gefördert durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre, 2023-2026. Wir bieten didaktische Anregungen, Lehrmethoden, Planungshilfen, Vertiefungsliteratur und Anleitungen, die Lehrende in Verbindung mit den Lerneinheiten des Portals mit ihren Studierenden bearbeiten können. Sie zielen auf die erforderliche interdisziplinäre Doppelkompetenz in der Lehre für Gender in MINT und für MINT in Gender Studies.

Auf einem ersten Austauschworkshop haben wir mit Lehrenden Bedarfe und Ideen entwickelt. Ich war sehr überrascht: Statt der von uns erwarteten Wünsche an Vertiefungen zu fachspezifischen Themen ging es den Kolleg*innen um übergeordnete Kompetenzen – kurz gefasst um die Unterstützung von generellen Reflexionskompetenzen. Die Vermittlung von Gender in MINT erfordert die Bereitschaft der Lehrenden, sich selbst zu schulen und in die Thematiken einzuarbeiten. Dabei müssen sowohl Lehrende als auch Studierende Bereitschaft zur Reflexion der eigenen Positionen, Privilegien, Vorurteile und Kommunikationsstrukturen aufbringen.

Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren mit Kolleg*innen der Fächer viel diskutiert, konzeptioniert, erprobt und ausgefeilt. Herausgekommen ist ein Set von Lehrunterstützungen (LU), die in drei Paketen ausgerichtet auf Inhalte, Arbeitsweisen und Reflexion im Portal zur Verfügung stehen.

Inhalte: Vier Lehrunterstützungen (LU) bieten Planungshilfen und Materialien zur Wissensvertiefung. Die LU Geschlechtergrundlagen unterstützt die Anwendung von Gender-Perspektiven aus fünf unserer Lehrvideos auf aktuelle MINT-Themen in der Gesellschaft. Zwei LUs gehen über die klassische Zwei-Geschlechterdiskussion in MINT hinaus: Die LU Queering/Intersektionalität Allgemein vertieft entsprechendes Wissen, das in den Lerneinheiten des Portals nur teilweise angesprochen wurde. Für die Erarbeitung und Anwendung dieser Grundlagen in und für MINT haben wir eine gesonderte LU Queering/Intersektionalität in MINT zusammengestellt. Darüber hinaus stärkt die LU Feministisch-Postkoloniale Einbindung von MINT Kompetenzen zur Reflexion machtvoller Auswirkungen von MINT des Globalen Nordens. Sie führt Lehrende und Studierende aller Fächer schrittweise von der Lerneinheit „Wissen ist ein Prozess“ zur Auseinandersetzung mit feministisch-postkolonialer Wissenschaftsforschung.

Arbeitsweisen: Hier können Lehrende ihre Studierenden befähigen, sich mit der scheinbaren Objektivität und Neutralität in MINT-Wissen kritisch auseinanderzusetzen. In der LU Argumentieren geschieht dies am Thema aktueller lebenswissenschaftlicher Debatten um biologische Geschlechtervielfalt. In naturwissenschaftlichen Publikationen können eingeschriebene Normen, Werte und Überzeugungsrhetoriken analysiert und eigene reflektierte Argumentationskompetenzen zum Thema entwickelt werden. In der LU Problematisierungen können mit Hilfe von Visualisierungen von Dominique Kleiner Kritisches Denken und Problematisierungskompetenzen am Thema Gender bezogener und intersektionaler Ursachen für Ungleichheiten in MINT gestärkt werden. Die LU Textarbeit bietet Ansätze und Werkzeuge, mit denen Studierende sich kollaborativ die oft fremden Konzepte der Gender Studies aneignen können.

Reflexionen: Hier sensibilisiert die LU Reflexionen Privilegien/Diskriminierung für die eigene privilegierte und/oder diskriminierte Positioniertheit in Gesellschaft und Wissenschaft. Sie bietet Arbeitsmaterialien zu verschiedenen Diskriminierungskategorien sowie Anleitungen zur Auseinandersetzung mit deren Kontextualisierung in machtvollen strukturellen Verhältnissen. Die LU Stereotype hinterfragen ermöglicht das Erkennen von genderbezogenen und rassistischen Zuschreibungen durch MINT-Wissensproduktionen, ergänzt durch Arbeitsmaterialien zu Anti-Bias-Strategien. Nach der AHA-Methode können diese Wissensgrundlagen konsequent mit der Reflexion eigener Stereotype und Vorurteile verschränkt werden. Mit Planungshilfen unterstützen wir auch in der LU Diskriminierungssensible Kommunikation Lehrende und Ihre Studierenden im respektvollen Umgang miteinander, sowie im Umgang mit Irritationen, Störungen oder verletzenden Äußerungen. Unsere Anregungen und Moderationshilfen sind dabei nur Ausschnitte aus einem breiten Spektrum aktueller Diskussionen hinsichtlich einer diskriminierungskritischen Lehre.

Alle Lehrunterstützungen werden bis zum Sommer noch einmal überarbeitet. Wir wünschen jetzt schon fruchtvolles Stöbern und freuen uns auf Rückmeldungen für die ausstehende Finalisierung. Mein Dank geht an dieser Stelle an die vielen Partner*innen in Entwicklung und Erprobung und insbesondere an mein fantastisches Team: Judith Schütze, Isa Weber, Paula Berth und Lotta Bluhm. Mehr Informationen zu unseren Arbeiten und Entwicklungen stehen auf unserer Projektseite.

Gemeinsam arbeiten – gegenseitig unterstützen

Das gemeinsame Arbeiten ist zentrale Voraussetzung für vertieftes Reflektieren und kritisches Denken. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Projektes ist dabei die Bereitstellung von sinnvollen digitalen Werkzeugen (Tools) für kollaboratives Arbeiten, Austausch und Feedback unter Studierenden und Lehrenden sowie zwischen Studierenden und Lehrenden. Judith Schütze startet derzeit mit einer Podcast-Serie „Ich frag für ‘ne Kolleg*in: Umgang mit schwierigen Situationen“. Hier sprechen Lehrende über Erfahrungen und Strategien im Umgang mit schwierigen Situationen in der Lehre anhand von Fallbeispielen – nicht nur in MINT. Eine erste Folge wird demnächst über den Genderblog veröffentlicht.

Und wo gibt es noch mehr? Kommt zu unserem Symposium

Zwei Dinge sind mir klar geworden: Erstens ist in den Lerneinheiten und Lehrunterstützungen im Portal Gendering MINT digital so ziemlich alles drin, was ich in den letzten 40 Jahren gelehrt habe. Das ist sicher nicht alles, was die genderbezogene MINT-Forschung und Lehre bereitstellen, aber doch schon einiges. Zweitens sind zu Gender-/Queer-/Intersektionalitäts-/Dekolonialitäts- und weiteren Studien schon sehr viele Ressourcen im Netz: Tool-Boxes, Lehrinitiativen und Forschungskollektive stellen ihre Ansätze zur Verfügung – meist Open Access. Auch unsere Materialien, Unterstützungen und Planungshilfen können und sollen genutzt, weiterverbreitet und weiterentwickelt werden, wenn sie die Urheber*innen benennen, nicht kommerziell arbeiten und geänderte Fassungen unter gleicher Lizenz zugänglich machen (CC BY-NC-SA).

Trotz dieser breiten Ressourcenlandschaft bleibt vieles unsichtbar oder schwer zugänglich. Nicht zuletzt, weil es den Gender Studies bislang an guten Datenbanken und Suchindices fehlt. Deshalb haben wir unser Abschlusssymposium zum Projekt unter das Motto “Gender in MINT reflektiert lehren und forschen: Ansätze, Strategien, Vernetzung“ gestellt. Wir laden Lehrende und Forschende, Studierende und Tutor*innen herzlich ein, sich am Freitag, den 20.02.2026 über Ansätze zur Inklusion von Gender- und intersektionalen Aspekten in die MINT-Disziplinen und darüber hinaus auszutauschen, um sich gegenseitig zu inspirieren, zu stärken und zu vernetzen. Auf einem Gallery Walk geben Initiativen und Lehrende Einblicke in ihre Projekte und Entwicklungen. Dabei können Sie/könnt Ihr Ressourcen finden und Ideen diskutieren. Deshalb – und auch wenn Gendering MINT digital einen Fokus auf digitalisierte Materialien und Unterstützungen gesetzt hat – findet das Symposium „nur“ in Präsenz statt. Denn es benötigt den realen Raum, die realen Ansprechpartner*innen und die Bewegung durch verschiedene Themeninseln, um über gemeinsame Zukünfte zu spekulieren. Weiter wird die Vernetzung in der AG “Strategien und Herausforderungen zur Inklusion von Gender in MINT“ im Mai auf der diesjährigen KEG-Tagung in Wien geführt.

 

 

Sigrid Schmitz arbeitet seit mehr als 40 Jahren zu feministischen Science & Technology Studies und zu Genderforschung in MINT. Sie hat u.a. Lehrformate zur Wissensproduktion in MINT an verschiedenen Universitäten konzipiert und durchgeführt (Marburg, Freiburg, Graz, Berlin, Oldenburg, Wien, Linz). Als Hochschuldozentin an der Universität Freiburg leitete sie das Kompetenzforum „Gender in Informatik und Naturwissenschaften [gin], war Professorin für Gender Studies an der Universität Wien und an der HU Berlin. Am ZtG hat sie 2017-2020 das Portal „Gendering MINT digital“ entwickelt und leitet derzeit das Folgeprojekt Gendering MINT didaktisch-digital.