Simon Herchenbach - Mein Schreibtisch

#MeinSchreibtisch: Simon Herchenbach

Mein Schreibtisch steht in der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen Aidshilfe in Berlin. Zusammen mit den Kolleg*innen des Fachbereichs koordinieren und strukturieren wir die bundesweite HIV- und STI-Präventionsarbeit sowie die Gesundheitsförderung bei Schwulen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben.

Doch bevor ich genauer auf meinen Schreibtisch eingehe, kurz dazu, wie ich hier hingekommen bin: Die Weichen haben sich während meines Masterstudiums der Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin gestellt, wo ich auch als studentische Hilfskraft im BMBF-geförderten Projekt Gendering MINT digital und im Team des PC-Pools tätig war – an dem Neuaufbau dieses Blogs war ich beispielsweise maßgeblich beteiligt.

Porn Studies an der HU

Inhaltlich ausschlaggebend war ein Seminar von Dr. Christine Vogt-William aus der Anglistik zum Thema AIDS & Agency sowie ein Seminar von Dr. Anja Schmidt zum Thema Pornographie am Lehrstuhl Öffentliches Recht und Geschlechterstudien der Juristischen Fakultät. Bei Vogt‑William beschäftigten wir uns mit medialen Darstellungen und Verarbeitungen der Aidskrise und bei Schmidt unternahm ich eine kleine Forschungsarbeit zu schwuler Pornographie. Die Überschneidungen der beiden Seminare wurden schnell deutlich und der Themenkomplex „schwule Sexualität/Pornographie“ und „HIV/Aids“ zog sich als roter Faden durch mein gesamtes Studium und mündete schließlich in meiner sexualwissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Titel „Repräsentationen von Männlichkeiten in schwuler Pornographie – Eine Forschungsfeldanalyse“, betreut von Prof. Dr. Silvy Chakkalakal aus der Europäischen Ethnologie und Dr. Benedikt Wolf vom Institut für deutsche Literatur. Ein Kapitel der Arbeit habe ich vor Kurzem zu einem Artikel für das Bulletin Texte des ZtG ausgearbeitet: Straight Guy for the Gay Eye – Der heterosexuelle Mann in schwuler Pornographie“.

In der Arbeit unternahm ich, neben einer geschichtlichen Aufarbeitung sowohl von schwuler Pornographie als auch der Forschung über selbige, eine Katalogisierung und Analyse der Ikonographie von sechs ausgemachten Figurationen von schwuler Männlichkeit aus der Pornographie (der effeminierte, der hypermaskuline, der heterosexuelle, der HIV-positive, der rassifizierte und der Transmann). Anschließend untersuchte ich die Bedeutungsebene, die das Forschungsfeld schwuler Pornographie zuschreibt, und kontextualisierte diese mit moralpolitischen Diskursen sowie Debatten um Wirkmacht und Rezeption. HIV/Aids zog sich dabei erneut als roter Faden durch die gesamte Arbeit, weshalb meine aktuelle Stelle im Bildungsbereich der Deutschen Aidshilfe für mich die ideale Fortsetzung meiner bisherigen inhaltlichen und praktischen Arbeit ist.

Ganzheitliche Gesundheitsansätze

Jetzt also zurück zu meinem Schreibtisch: Neben dem rosa Flamingo liegt einiges an Fachliteratur. Dem Stand der Forschung folgend, sieht die Deutsche Aidshilfe die Gruppe „Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben“, die in der westlichen Welt von HIV besonders betroffen sind, als eine besonders vulnerable Gruppe. Aus diesem Grund haben wir uns auch Gesundheitsförderung zur Aufgabe gemacht, um so strukturelle Präventionsarbeit zu leisten. Die Theoriebildung zu HIV sagt, dass die erhöhte Prävalenz von HIV innerhalb dieser Personengruppe auf einen sogenannten Minority Stress zurückzuführen ist und von vielen sozialen und individuellen Faktoren abhängig ist. Diesen ganzheitlichen Blick auf HIV fassen wir unter dem Konzept der Syndemie. Das heißt für uns konkret: Wir tragen aktuelle Studienergebnisse, die das psychische Wohlbefinden von schwulen Männern erforschen, zusammen, um so Stressoren und psychische Belastungsfaktoren, die eine HIV-Infektion begünstigen, zu erkennen. Dabei beziehen wir immer auch Fachleute aus den verschiedensten Disziplinen mit ein, wie etwa dem VLSP, BISS, dem AKSD oder der GSP. Durch unsere Medien und Bildungsveranstaltungen für unsere 138 Mitgliedsorganisationen bringen wir diese Ergebnisse dann in die Vor-Ort-Arbeit. Mein Teil an dieser Arbeit ist vor allem das Konzeptionieren und Koordinieren der Veranstaltungen, weshalb auch das Telefon ein zentraler Bestandteil meines Schreibtischs ist – inhaltliche Absprachen mit den Referent*innen, Gespräche mit Kooperationspartner*innen, Hotelbuchungen, etc. Daneben liegen einige Sachberichte an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), unsere Mittelgeberin, in denen ich noch einmal jede Veranstaltung und jede Publikation reflektiere und auf ihre Sinnhaftigkeit und ihren Nutzen hin überprüfe.

Durch mein Studium der Gender Studies an der HU konnte ich den Bogen von meinem vorherigen, eher praxisorientierten Studium der Sozialen Arbeit, zur fachlich-inhaltlichen Arbeit bei der Deutschen Aidshilfe schlagen.

Simon Herchenbach ist seit März 2019 Alumni des ZtG und arbeitet seit September 2019 bei der Deutschen Aidshilfe. Er ist froh mit seinem Job sowohl inhaltlich zu arbeiten, als auch etwas für „die Community“ tun zu können.

In unserem Format #MeinSchreibtisch – zu finden unter der Kategorie Personen – geben Mitarbeiter_innen, Mitglieder und Absolvent_innen des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien einen Einblick in ihr Arbeitsumfeld sowie ihre aktuellen Projekte und Aufgaben.